Archiv für März 2012

Der Buecherblogger bespricht “Die Sorgen der Killer”

31. März 2012

“Weniger bekannte Autoren sind nicht zu beneiden. Sie schreiben sich das Blut aus den Fingern und nur weil sie nicht Mankell, Highsmith, Crombie, George, Nesser usw. heißen, haben ihre das herkömmliche Genre sprengenden literarischen Versuche im Mainstream keine Chance. Der Leser will ein bisschen Unterhaltung um das “Whodunit” herum, ein bisschen Psychologie, aber im Selbstverständnis angekratzt werden will er von der Lektüre nicht. Neue Wege beschreiten, die mehr als nur an der Oberfläche irritieren, könnte anstrengend werden. Krimis liest man zum Genuss, nicht um sich in Frage zu stellen. Genuss aber bereiten die Kurzerzählungen dieses kleinen Bandes, obwohl sie auch am Selbstverständnis kratzen allemal. Wirklich wegwischen kann man sie genauso wenig wie das Blut auf dem Cover.” Der Buecherblogger

Der Buecherblogger hat meinen Kurzgeschichtenband “Die Sorgen der Killer” besprochen.

Folgen Sie diesem Link und schon sind Sie mittendrin.

31. März 2012, Über meine Mutter, über die herrlichen Tage der Kindheit, über Leben, die noch beschrieben werden müssen, 8.02 Uhr

31. März 2012

Meine Mutter hatte Geburtstag, gestern am 30. März, meine Mutter, die mir als Kind erzählte, wie ihre Kindheit sich zwischen den Steinen der Felder und hinter den Ärschen von Kühen verlor, die sie über unebene Wege trieb, die Kindheit, die nicht ihre hätte sein müssen, aber weil sich der Große Krieg zwischen sie und ihre Mutter schob, blitzartig und weil es den Männern so gefiel, wurde sie von meiner Großmutter aufs Land verbracht, auf einen Hof, der müde zerschlissene Gesichter und Essen gab, packte man nur recht mit an. Diese Leben waren schon gelebt, bevor sie überhaupt angefangen hatten. Keine Zeit zum Lernen, dafür aber Zeit zum Hüten und in die Sonne starren. (“Herrliche Tage.”)
Meine Mutter sprach, ich meine mich erinnern zu können, von einem Onkel, der auch dort lebte, unter dem Dach vielleicht, weit oben im Haus zumindest, wo sich die Vögel Nester bauen. Alt sei der geworden, berichtete sie, und dies, obwohl oder gerade, weil er täglich eine Zigarre rauchte und einen Schnaps trank. Ein lieber Mann, so meine Mutter weiter, ein anderer Mann wie mein Vater, dein Großvater, der sie, war er einmal nicht auf einer seiner erotischen Ausflüge, mit Schlägen erzog. Liebe konnte mein Großvater, der mit einem regen Schwanz gesegnet war, nur für seine zahlreichen Gespielinnen aufbringen.
Meine Mutter und ihre Geschwister nannte man Versöhnungskinder.
Später kehrte ich oft heim ins Dorf meiner Mutter, um dort die Ferien zu verleben, um in dem Bett zu liegen, das sie, so stellte ich es mir vor, in den Nächten mit Tränen gegossen hatte.
Nein!, so sagte meine Mutter, ich hatte eine glückliche Kindheit. Es ging mir gut.
Gestern hatte sie Geburtstag, bald schon wird sie Siebzig. Ich müsste mehr über sie schreiben, damit ich ihr Leben festhalten, damit ich es vertauen kann, damit sie mir nicht verloren geht, ihre Geschichte, die sie früh (war sie Vierzehn?) als Zimmermädchen entsandte, die sie sich in einen Musiker, den alle nur Charlie riefen und der einen Sportwagen fuhr und Pfeife rauchte, und Augen für alle hatte, nur für meine Mutter nicht, verlieben ließ, ihre Geschichte, die sie in einem Saal tanzen lässt, wo sie angesprochen wird, von einem jungen unsicheren Mann, der die blonden Haare gescheitelt, ihr wie der vorkommt, den sie einst heiraten wird. Unsicher hält sie seine Hand und wir sie nicht mehr loslassen.
Das Leben meiner Mutter zerrieb sich zwischen Arbeit und Mann und Kind, und blieb auf der Strecke, die wir so beiläufig Lebensweg nennen.
Jetzt ist mein Vater tot. Mein Mutter lebt fernab meines Lebens, ich hoffe, dass sie glücklich ist, aber auch diese, ihre letzte Geschichte, wird dereinst von mir erzählt werden müssen.
Eine Cousine meiner Mutter starb unter dem Schutt eines Bunkers, den eine Bombe zufällig traf. Auch dies müsste erzählt werden, mit Parallelgeschichten, die sich um das Leben mühen, das sie nicht führen konnte (dank des Todesführers aus Braunau), aus dem sie einfach so gerissen wurde, nicht einfach, sondern mit einem lauten Knall, der Hunderte in Stücke riss.
Man schreibe am eigenen Roman, man schreibe an der Familiengeschichte, man forsche und erinnere sich, man fülle sie mit Träumen und Geheimnissen auf. Jedes Leben ist so unendlich tief, das man sich schämen müsste, wenn man behauptet, man würde kein Thema finden.
Meine Mutter hatte gestern Geburtstag, bald schon wird sie Siebzig sein.

Scherbengesichter. Zersplittert.

30. März 2012

Nur eine Tasche. Noch diese. Keine andere. Diese Marke. Die besitzt sie. Noch nicht. Sie atmet. Tief. Tiefer. Sie saugt die Luft ein. Leder. Waren. Sie spürt sich nicht. Das Geschäft. Das schon. Ihre Hand fährt. Sanft wie über einen Männerrücken. Jörg. Manuel. Andreas. Hatte sie noch nicht. Sie erschreckt. Ein solcher Name. Den man häufig antrifft. Das Leder ist glatt. Gespannt. Poliert. Sie könnte sich darin spiegeln. Ein wenig. Licht. Die Hand verharrt. Andreas. Es muss einen gegeben haben. Kann ich Ihnen helfen? Sie blickt auf. Der Verkäufer. Sie will den Kopf schütteln. Nein. Mir ist nicht zu helfen …

Bei FAUST-KULTUR ist ein neuer Teil meiner Serie UNORDENTLICHE GEDANKEN erschienen.

Das 10. Opfer

30. März 2012

Der folgende Artikel ist ursprünglich bei Hard Sensations erschienen

“Im Angesicht des Todes ist alles lächerlich.” Thomas Bernhard

Stellen Sie sich Rom vor, nicht irgendein Rom, sondern ein Rom der Zukunft, das sie im ersten Augenblickt aber an das Rom längst versunkener Zeiten und Verfilmungen erinnert.
Zwei Gladiatoren schlagen aufeinander ein, Schweiß perlt auf ihren Rücken, die sich unter der Wucht der Schläge beugen. Dann plötzlich, das Publikum konnte es längst mit angehaltenem Atem ahnen, kommt es zum finalen Stich, der sich im Magen des Gegners einen Platz zum Ruhen sucht. Der Getroffene fällt, stirbt, das entzückte Publikum applaudiert artig dem Gewinner, der sich erschöpft aus der Runde stiehlt. Der Kampf ist geschlagen, man wendet sich leeren Gesprächen und leichter/sehr leichter Musik (Bitte wählen Sie!) zu, denn wir befinden uns in einem angesagten Club des 21. Jahrhundert.
Nichts scheint sich geändert zu haben. Statt Brot und Spiele gibt es Cocktailfrüchte und Spiele.

Das Schlimmste an diesem Film, der surreal verspielt wie ein drogenbenebeltes Fernsehballett an meinen Augen vorüber tanzt, ist, dass er Spaß macht, einen Riesenspaß sogar. (Jetzt ist die üble Wahrheit ans Tageslicht gekrochen. Sie reibt sich die Augen, kneift sie zusammen und verflucht mich, weil ich ihren Schlaf gestört habe.)

Das Zehnte Opfer von Elio Petri sieht aus, als hätte man ihn aus einem Kaugummiautomaten gezogen. Die Bilder sind bunt und frech, alles ist verspielt, auch der Tod, der so bereitwillig verteilt wird. Man wirft ihn – einfach so – unter die Leute. Wie Luftschlangen, deren Biss giftig ist.

Ich lehne mich zurück, nicht lange, denn schon sieht man sie hetzen, Jäger und Opfer, sie rennen an mir/uns vorüber, weil es um viel geht, vor allem um Geld und Anerkennung.
Alles jagt alles in diesem Film. Absurdität folgt Absurdität. Witz greift nach Witz. Man kommt aus dem Staunen und Lachen gar nicht mehr raus, und am Ende sitzt man mit eingezogenen Schultern da und fragt sich, ob man sich nicht hätte schämen müssen. Aber zum Schämen ist es ja nie zu spät; vielleicht finde ich ja hier und jetzt Worte dafür.

Die Gegenwart dieser Zukunft ist spür- und hörbar, so, wenn man in einem Restaurant das Töten untersagt („Seit dem Ersten des Monats!“), und der Killer sich dann darüber erregt, sich in Fahrt redend über eine Welt, die das Töten inzwischen schon bald überall verboten haben wird. Ja, dann können wir Raucher nur nicken und diese Welt „fast“ verstehen.

Das Spiel des Todes regiert alles. Es geht um die Große Jagd, darum, von einem Computer ausgewählt und in die Wildbahnen des Planeten entsandt zu werden, um sich schießend in den totalen Ruhestand zu killen.
Caroline setzt sich auf die Spur ihres Opfers Marcello, der so gelangweilt ist, dass er nicht mal Zeit für ein paar Gesichtsmuskelübungen aufbringen kann. Immer cool, immer lässig, auch wenn die Comic-Klassiker-Sammlung vom Gerichtsvollzieher einkassiert wird. Sorgen soll er haben, nur, man merkt es diesen Zukünftigen nicht an. Marcello Mastroianni spielt Marcello Mastroianni, und so einer muss – es kann nicht anders sein – in der Fellini-Straße wohnen.

Ich liebe diesen Film (und ich liebe meine Übertreibungssucht), obwohl ich spüre, dass hier vieles nicht stimmt und das ich mir auf den Leim gehe; ich bleibe stecken, trete auf der Stelle, breit grinsend und nicht ohne später eines der alten Interviews von Robert Sheckley (der die Vorlage zum Film lieferte) zu lesen und der mich mit seinem einsteinhaften Oberlippenbart anlächelt und mir von seiner Flucht nach Ibiza erzählt. (Gespräche mit Toten können so schön sein.) So einen muss man mögen, wenn man das Herz am rechten Literaturfleck sitzen hat.

Das Zehnte Opfer hat mich zum elften Opfer gemacht, weil ich ein Fan von diesem Film bin, der dem Spektakel, das er satirisch beschreiben will, nicht entkommt, sondern es auch nur genüsslich ausbreitet.
Der Film ist nicht perfekt, ein absurdes Glücksrad, dem man anmerkt, das es keinen Hauptgewinn schenken wird, dafür aber einen Drehwurm, der sich gewaschen hat. Und dafür gebührt ihm mein tiefster Respekt.

Nein, ich schäme mich nicht, dass ich das Töten genieße, dass ich Teil einer Show werde, deren Spaßfaktor mich verzückt, einfach, weil da etwas in mir steckt, was den Tod genießen und belachen möchte. Man fühlt sich danach nicht reiner, aber leichter.
Dies von einem Film geschenkt zu bekommen, kann viel sein, in schweren Zeiten.

Italien 1965, Regie: Elio Petri

Das zehnte Opfer erscheint am 30.03.2012 bei Bildstörung (Drop Out 016). In der Spezial Edition kommt der Soundtrack auf einer separaten CD mit. Aber auch ohne dieses Extra sind Ausführung und Ausstattung – wie von Bildstörung gewohnt – überdurschschnittlich. Neben einer filmischen Dokumentation über Marcello Mastroianni gibts auch ein üppiges Booklet mit einem Text von Oliver Nöding.

Bei Amazon kaufen: Das 10. Opfer [Special Edition]

30. März 2012, Im Kopf, 5.52 Uhr

30. März 2012

Kaffee, Zigarette. Unser Balkon erinnert an eine vorgeschobene Unterlippe, die dem Haus einen leicht debilen Ausdruck verleiht. Regen, der über die Platten rinnt, so wie an diesem Morgen, erinnert an Sabber, der sich über das faltige Fleisch dieser Lippe schiebt, um sich in die Tiefe des Gartens zu stürzen. Ich hebe den Blick und sehe mich um. Die anderen Häuser haben Münder, die an Türen erinnern. Erschrocken sehen diese Häuser aus. Sie schlafen, die Lider sind geschlossen, von denen ungeübte Beobachter meinen könnten, es wären Rollläden. Zwei Augen haben alle, manche tragen auch ein drittes Stirnauge, um damit in die Zukunft und in die Ferne blicken zu können. Ruhe strömt über die Stadt, nur die Vögel schlagen an. Bald werden die Häuser erwachen.
Die Lider heben sich träge, stöhnen und knurren dabei. Licht strömt ein, noch unentschieden und diffus. Künstliche Sonnen erhitzen die kleinen grauen Zellen, die eifrig den Frühstückstisch beladen. Dort sitzen sie und kauen und starren vor sich. Später werden sie ihre Köpfe verlassen, sie werden sich als Gedanken entsenden, die in Geschäften einen Lippenstift anbieten, die an einer Kasse sitzen, die eine Straße aufreißen, als wäre sie ein billiges Flittchen und für jeden zu haben. Die Gedanken werden den festen Punkt aufsuchen, der ihnen als Lebensmittelpunkt erscheint. Dort werden die Gedanken abschweifen, vielleicht werden sie von einem Leben in einem anderen Kopf träumen, der groß ist und über viel Hirnmasse verfügt, dessen ausgerollte Zunge über den Sand eines Strandes leckt und der ihnen ein reicheres Dasein verspricht
Ich nehme einen letzten Zug von meiner Zigarette und schlüpfe in meinen Kopf zurück, der angefüllt ist mit Filmen und Büchern und Träumen, die mich erwartungsvoll ansehen.
Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Freitag, wo auch immer Sie denken, in welchem Kopf Sie auch immer leben mögen.

Das Rohmsche Telefon-Paradox oder: Wie man Ewigkeit (metaphysisch betrachtet: Gott!) mittels zweier Telefone herstellt

29. März 2012

Man nehme zwei Telefone, stelle das eine Telefon mit z.B. der Durchwahlnummer 666 auf das andere Telefon mit z.B. der Durchwahlnummer 232 um, dann begebe man sich zum Telefon 232 und stelle dieses auf die Nummer 666 um. Schon hat man die Schlange, die sich selbst verschlingt, hat man Ewigkeit erschaffen, und als religiöser Ausdruck selbiger: Gott!

Demnächst: Wie stellt man ein Schwarzes Loch her? (Man nehme eine besonders dickleibige Person, deren Masseverdichtung eine derart starke Gravitationskraft entwickelt, dass sie alles, was in ihre Nähe kommt, verschlingt, und platziere sie im Wohnzimmer der buckligen Verwandtschaft.)

29. März 2012, Über den kleinen Tod, dann noch über Eckhard Heck und eine Veröffentlichung in Hard Sensations, 5.46 Uhr

29. März 2012

Kaffee, Zigarette. Ich habe mehr als gut geschlafen, von prächtig würde ich eher reden wollen, tief und traumlos, versunken im Bett, als wäre ich gestorben, als hätte ich mich gestern Abend in einen Sarg gebettet, den man unter fehlendem Wehklagen und unter Ausschluss von Trauergästen in die Erde hinab ließ. Dieses tägliche Sterben tut dem Körper gut, denn im täglichen Nachttod kann er sich vergessen, kann er den Energieverbrauch auf ein Minimum beschränken. Tote brauchen nicht viel, nur einen Ort, an dem sie liegen können, und, wenn ich an meinen Vater denke, von dem wohl inzwischen – bis auf seine Knochen – kaum noch etwas übrig sein dürfte, benötigen sie selbst den irgendwann nicht mehr; spätestens wenn das Mietverhältnis ausgelaufen ist und man Platz für frische Leichen braucht, wird man ihn ausgraben und an andere Stelle, wohl ins Knochenhaus, verbringen; heute sind es keine kräftigen Hände mehr, die sich mit einer Schaufel vergehen müssen, sondern man baggert, fröhlich pfeifend, und warum auch nicht, Job ist Job, und irgendwer muss ihn ja machen.
In der Nacht, die ohne mich auskommen muss, ist allerhand los, da wird gemordet, geschrieben, auch mir, aber das merke ich dann erst am nächsten Morgen, so an diesem, der mir eine Nachricht von Eckhard Heck überbrachte, die mir mitteilte: houston, we are online. Ich konterte, die Augen verklebt und den kleinen Tod der Nacht noch im Gefieder, mit einem meiner bekannten (auch gefürchteten) Bonmots (die sich dereinst, ich bin mir gewiss, in einer Sammlung mit dem Titel Sprüche und Aphorismen auffinden lassen werden), indem ich schrieb: danke dir!
Sollte Sie nun die Neugier umtreiben, was es mit diesem Dialog zweier Freigeister, mit diesem in Poesie gegossenen Gespräch auf sich hat, dann kann ich Sie gerne einweihen, denn hier gibt es kein Geheimnis zu wahren, dem Sie durch Nachfrage auf die Spur kommen müssten. Eckhard Heck hat, freundlich und bärtig wie er ist (ich empfehle der geneigten Leserschaft seine kleine Reihe “Bart des Tages”), einen kleinen Text aus meiner Feder, denn eine Tastatur nutze ich nicht, wohl aber eine digitale Feder, die es mir ermöglich, direkt und unmittelbar auf dem Bildschirm zu schreiben, damit ich mich, zumindest in Teilen, wieder in die Zeiten von Goethe, Schiller, Allermister zurückversetzt fühle, über Allermister, diesen großen Weimarer Ungeist, der sich so gern an den Frauen der Dichterfreunde vergriff, sollte ich dereinst noch berichten, denn es wird Sie vor Lachen schütteln, wenn ich Ihnen von den Streichen und Affären dieses Unholds berichte, aber dies muss warten, denn wir waren, ich halte inne und orientiere mich im Textgeflecht, bei Herrn Heck, der einen Text von mir bei Hard Sensations veröffentlichte, nicht, ohne diesen auch mit Bildern zu bestücken.
Jetzt, da ich Sie ins Licht gesetzt habe, das Sie aufklärerisch umflort, werden Sie sich beruhigt ans Tageswerk machen können, das da ruft, und dessen Ansprache ich – an nicht eben wenigen Tagen – schlicht ungehört lasse. Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Donnerstag im März des Jahres 2012. Mögen Gott und Allermister mit Ihnen sein.

28. März 2012, Der Weg, 18.03 Uhr

28. März 2012

Wir haben auf dem Balkon gesessen und gegessen, während die Sonne aus uns Stars machte. Sternchen trug eine überdimensionale Sonnenbrille, die sie zu verschlucken drohte. Nur die Fotografen fehlen. Aber dann wäre es zu eng geworden. Fisch gab es und Kartoffel und Salat. Autos rauschten vorbei, stahlen das eine oder andere Wort. Kauen und schlucken, genießen, ganz so wie man zuhört. Und wo landen all die Wörter, wenn sie verdaut sind? Etwa in diesem Klo hier, damit man sie runterspült?
Ich bin gelaufen, meine fünf Kilometer, die mich an Wiesen vorüber führten, auf denen bunte Blumen wuchsen, die in der Sonne glänzten. Ging man näher heran, dann erkannte man, dass es eine Verpackung war, die hier jemand gepflanzt hatte. An einem ganzen Acker voll mit Müll sah ich mich satt. Papiertaschentücher wuchsen dort und leere Colaflaschen, die wie Edelsteine Sonnenlicht in alle Richtungen erbrachen. Eine alte Frau sah sich hektisch um, weil sie fürchtete, mein schneller Schritt würde sich ihre Handtasche nehmen. Ich steuerte um sie herum, nicht einmal mein Atem streifte sie. Am Ufer lief ich entlang, achtend, nicht in den Verkehrsfluss zu plumpsen. Man hört dies und das, von Kindern, die von den eiligen Motorbooten zerrissen wurden. Ein wunderschöner Weg, der auch gefährlich ist, denn man muss nur die Türe ins Schloss fallen lassen, dann ist man mitten in einem Abenteuer. Entdeckte Verlademänner, die es lieben, wenn sie Säcke auf die Anhänger ihre Autos werfen können. Ein Sack, und noch ein Sack, und nähert sich das Ende, dann versacken sie in Trübsinn. Entdeckte die Funkmänner, die in Uniform am Straßenrand stehen und gewichtige Mienen zur Schau tragen. Nichts, was sie sagen, hat keine Bedeutung. Alles wird von einem gefangen und notiert, der an einem Ort namens Zentrale sitzt. Ein verwirrter Mann sei aus dem Krankenhaus entkommen. Das hörte ich. Mein Blick suchte ihn, an jedem, der mir entgegen kam, meinte ich das Krankenhaus riechen zu können. So läuft man Meter für Meter, bis man vor den eigenen vier Wänden steht und schwitzt und flucht und glücklich ist.
Das Essen ist gegessen. Das Sternchen sitzt in ihrem Zimmer. Die Seraphe starrt versonnen in den Himmel. Und ich schreibe.

La Orca

28. März 2012

Der folgende Artikel ist ursprünglich bei Hard Sensations erschienen

Die Welt ist ein Zimmer, in das wir durch Geburt und Umstände gesperrt werden. (Man kann versuchen auszubrechen, aber dann landet man doch nur wieder in einem anderen Raum eines schier endlosen Wohnkomplexes.)
Hände, die wir nicht kennen, zerren uns in ein Zimmer hinein, ein kleiner schreiender Blutlappen, der bereits schon einen Namen hat, und dies, obwohl er noch nicht einmal weiß, was Buchstaben sind. (Aber jedes Ding und jeder Mensch muss zu einem Begriff werden, damit man ihn einsortieren, ablegen und archivieren, wiederfinden, zuordnen, abstempeln kann.)
Wir wachsen, stehen starr wie Pflanzen in unseren Blumentöpfen, wir werden gegossen, gehegt und gepflegt. Manche verkümmern, vergessen in der besonders dunklen Ecke eines Kellers.
Wir können vielleicht durch die Fenster sehen, können eine andere Welt ahnen und nachahmen, aber Gefangene, auch wenn die Tapeten bunt und die Türgriffe golden schimmern, auch wenn wir uns für wunderschöne Zimmerpflanzen halten, sind (und bleiben) wir alle bis zu dem Tag, an dem das Mietverhältnis plötzlich nur noch ein Kündigungsschreiben ist.

Drei Männer, gefangen im “Zimmer” des Nordens von Italien, das sie nicht bezahlen können, weil die Mieten, um an diesem Leben teilzuhaben, zu hoch sind, entführen ein Mädchen. Man bringt sie in ein Bauernhaus, verschleppt sie in ein weiteres dieser an Zimmern so reichen Welt, dieses aber versinkt düster wie in den Gemälden der alten Meister, die man sich mit zusammengekniffenen Augen in einem Museum betrachtet, stets auf der Suche nach den kleinen unscheinbaren Handbewegungen dieser fernen toten Menschen, die im Nichts zu verschwinden drohen.
Dort wacht Michele über Alice, er wacht über sich und die Zeit, die wie in den alten Gemälden gefroren scheint.

Michele ist es, der, obwohl zum Wärter erklärt, seine Gefangenschaft in dieser Bauernzelle auszuschwitzen hat, die eben jenes Leben verkörpert, sein Zimmerleben, dem er nicht entkommen kann.
Alice wird zu seiner Leinwand, seiner Projektionsfläche, seinem Traumgebiet, seinem Land, in das er sich zu flüchten hofft. Sie wird zu seiner Wohnstatt der Lügen und des Selbstbetrugs. (Und kennen wir nicht alle diese Unterschlüpfe?)

Wenn seine Hände die betäubte Alice erkunden, dann sehe ich keine Vergewaltigung, keinen Missbrauch, sondern einzig die Wanderschaft von Fingernomaden durch die Dünen einer Körperwüste, die auf der Suche nach einer Oase sind, einem Ort der Hoffnung und der Schönheit, bis sie schließlich zwischen Alices Schenkeln inmitten einer Pracht aus sprießendem Schamhaarpalmen für einen kleinen Augenblick jene Rast (und jene Schatten) finden, die, man ahnt es, weil es keine Erlösung geben kann in dieser griechischen Italientragödie, nur eine Fata Morgana sein wird.
Es gibt aus dieser schwammfleckigen Hölle kein Entkommen, weil das für Michele hieße, seinem Körper zu entkommen. Er selbst ist dieses Bauernzimmer, in dem er verloren und verlassen von aller Welt hockt und darauf wartet, was kommen wird, kommen muss, nicht kommt.

Seine Komplizen werden einer nach dem anderen verhaftet, werden Opfer ihrer Zimmerfluchten, die mal in eine desaströse Beziehung hineinreichen, mal in Machenschaften, die so groß sind, dass sie sich dem Blick entziehen.
Ein Ganove schmuggelt Marlboro, die Alice wie nebenbei besitzt und Michele anbietet. Sie alle wohnen in ein und derselben Mietskaserne, und doch leben sie in verschiedenen Etagen, in verschieden gut oder schlecht eingerichteten Wohnungen. Unterwegs im Treppenhaus kann es passieren, dass sich die Blicke streifen, es kann zu einem Gruß kommen, einer unachtsamen Berührung, einer rasch (zu rasch?) zurückgezogenen Hand.
Michele muss sich in seinem Zimmer verlieren, muss sich verlaufen, weil es dort zu dunkel ist. Die Welt findet keinen Platz darin. Er hört sie, und wenn er die Tür öffnet, eine kleine Tür, als wäre die Welt aus dem Gleichgewicht geraten und man bei Alice im Wunderland gelandet, dann ist dem auch so, nur dass es hier die Realität ist, in die man durch ein Loch stürzt, tief und tiefer, darin Einsamkeit und Nöte der eigenen Existenz ein böses Spiel ausfechten.

Alice ist die Entführte, aber Michele ist der Gefangene, der weder sich noch seinen Gefühlen entkommen kann. Das Kammerspiel, das hier gezeigt wird, ist nicht nur ein Kammerspiel, sondern auch ein Zimmerspiel, ein Wohnungsspiel, ein Lebensspiel, ein Körperspiel, ein Spiel unter Einsatz der eigenen Hoffnungen und Träume. Die Kammer, das Zimmer, sie zeigen nur das, was ist. Sie zeigen uns!
Trauriger kann ein Film nicht sein. Alles endet in einem Zimmer. Das ist das Leben.

Und während ich dies schreibe, spüre ich die Wände, die mich umgeben.
Denn das ist das Leben, in dem wir wohnen. Wir sollten uns an Sisyphos erinnern und an Camus. Vielleicht kommt es gar nicht auf das Zimmer an, sondern darauf, wie wir die Zeit umbringen, während wir auf den Rauswurf warten.
Bis es soweit ist, werde ich hier sitzen und die Wände anmalen.

Italien 1976, Regie: Eriprando Visconti

Bei Amazon kaufen: La Orca – Gefangen, geschändet, erniedrigt [Limited Edition]

28. März 2012, Wie man seinen Schlaf beobachtet, nebst Anmerkungen zur Sexualität der Kaffeebecher, 5.52 Uhr

28. März 2012

Kaffee, Zigarette. Sicherlich, Sie haben Recht, wenn Sie sich beschweren und anmerken, die außerordentliche Qualität dieses Blog habe (besonders in den gestrigen Nachmittagsstunden) gelitten. Zahlreiche Mails trafen hier ein, die mich befragten, was ich da momentan treibe, ob ich denn derart schändlich mein Talent an die Wand fahren wolle, ob man mich zu heiß gewaschen habe, ob man mich zukünftig mit Idiot anreden dürfe.
Ich kann Sie beruhigen, denn es war die Müdigkeit, die mich schier auffraß, die mir in den Gliedern hing, auch im Kopf, und die dort wie eine Giftschlange wirkte. Früh ging ich zu Bett, denn sie fehlte mir noch, die Stunde, die das Vaterland uns kürzlich erst stahl. War es denn überhaupt nur eine Stunde, denn mir und meinem Körper kam es vor, als würden Tage fehlen, ganze Jahre, am Ende, so erschöpft fiel ich ins Bett, könnte man mir auch ein ganzes Menschenleben gestohlen haben. Dort lag ich dann, die Augen in sich versunken, und sinnierte, weil man nie mit der Arbeit endet, über meinen neuen Roman. Ich saß bereits zum achtzehnten Mal in einem Taxi, denn dort beginnt mein neues Schauerstück. Eng war es, sehr eng, und damit kam ich nun gar nicht klar, denn ich war müde und lag doch eigentlich in meinem Bett und wollte vor allem schlafen. Eine Schwere, wohlbekannt, legte sich mir in die Beine, kroch in den Bauch, in den Oberkörper, der sich kurz nur bäumte, dann aber nachgab, aufgab. Und dann, ich konnte es kaum fassen, schlief und schlief ich nicht, denn ich konnte mich beim Schlafen nicht nur spüren, sondern auch hören, mein Atem war mir unangenehm. Wie eine Dampflok, die wartend im Bahnhof verharrt, spie ich Dampf und zuckelte auf der Stelle; es gab kein Fortkommen von dort, denn ich lag ja im Bett, ich armer Narr. Also musste ich zu den Bildern im Taxi fliehen (s.o.), denn hier an dieser Stelle konnte ich nicht verbleiben, ich war mir peinlich. Es gibt Augenblicke, da kommt man kaum mit sich aus. Türen klapperten, ein Pfiff ertönte, ein Schuss, alles dies musste draußen in der Wirklichkeit geschehen, aber ich kam nicht aus der Starre, die mir die Beobachtung meines eigenen Schlafs aufzwängte.
Die Nacht ist überstanden, ich habe sie – dann irgendwann – ohne mich verleben dürfen, so wie man es von einem gesunden Schlaf verlangt. Der Kaffeebecher steht wie ein treuer Soldat an meiner Seite, den linken Arm stemmt er verwegen in die Seite. Eine Haltung, die man von Kaffeebechern kennt, die hauptsächlich andere Kaffeebecher bevorzugen, wenn Sie wissen, was ich meine. Vielleicht sollte ich einmal etwas über die sexuellen Bedürfnisse von Kaffeebechern schreiben. Dieser hier sagt nichts, er steht stumm da, in sich den Kaffee, der sein Blut und mein Lebenselixier ist. Man muss ja zu sich kommen, muss wach sein, damit die Qualität, die wir ja eingangs bemängelten, sich baldigst wieder steigert. Denn dazu sind wir doch hier, der Kaffeebecher und ich, die sich stets aufs Neue vornehmen, der deutschen Literatur ein Bein zu stellen. Aber dafür muss unser selbiges, wir haben uns verstanden, erst wieder richtig fit und vor allem bei sich sein. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen wachen Mittwoch. Und grüßen Sie mir Ihren Kaffeebecher.


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