Archiv für Juni 2011

Der Garten

28. Juni 2011

Prosa zum Abschied

Für Melusine Barby

In dem steht plötzlich mein Großvater, der kein Heimkehrer ist, sondern ein Fremdgeher, der nur nach Hause kommt, um Kinder und von seinem Leid zu zeugen, der seinen Kopf im Schoß der Großmutter bettet, die ihm durch die Haare fahren will, die fehlenden Haare, denn er ist ein alter Mann, der nun fort ist, der in einem anderen Garten steht, bei einer anderen Familie, Großvater, der immer der Andere war, der nun ein Anderer ist, ein Fremdgeher, einer, der den Blick an den Horizont heftet und der Großmutter in den Schoß heult und sagt, ich kann nicht bleiben, der zu seinem Vater blickt, der im Gras liegt und die Sonne mit der Nase kitzelt, der die Wolken vom Himmel pflückt, ein Wolkenbauer, der nur im Gras liegt und auf die Ernte wartet, die das schlechte Wetter ihm bringen wird, der mich auf seinen Schoß nimmt und schaukelt und sagt, dort ist dein Großvater und bettet seinen Kopf im Schoß der Großmutter, aus diesem Schoß wird deine Mutter fallen, die der Großvater in den nächsten Jahren schlagen wird, weil sie ihn hält, weil sie ihn ans Haus bindet und an den Garten, der unser Garten ist, ein alter Familiengarten, angefüllt mit Apfelbäumen und Beeten und Sträuchern und Tod und einem Schuss in die Hand, ein Schuss durch einen Laib Brot, um der Front zu entkommen, dort in der Ecke, der Urgroßvater zeigt es mir, ist das Lager, dort kommt dein Großvater hin, Kanonenfutter, aber er ist kein Futter, fürchte dich nicht, beruhigt mein Urgroßvater mich, während mein toter Vater an meiner Seite steht und mir die Hand reicht, weil er mit mir den Sonnenuntergang betrachten will, mein Vater, der in einem Hotelzimmer starb, der seine Ahnen grüßt, der auf einen Apfelbaum zeigt, der mir im Alter von sieben Jahren die Hand aufreißen wird, weil sie über einen eingeschlagenen Nagel rutscht, eben jener Nagel, den mein Großvater in den Baum schlägt, um einen Spiegel daran zu befestigen, um zu sehen, wer er ist und ob der, der er ist, sich rasieren muss, während meine Großmutter nach Berlin fährt, die Kinder an den zahllosen Händen, die sich Hände wachsen ließ für diese Fahrt, um zu flehen um das Leben meines Großvaters, des Feiglings, der vor der Front floh wie er auch vor meiner Großmutter und meiner noch ungeborenen Mutter fliehen wird, die sich an meine Seite stellt und fragt, ob ich ihren Mann, deinen Vater, gesehen habe, ich nicke nur stumm und zeige zur Sonne hin, zur sich neigenden Sonne und meine Mutter versteht und mein Urgroßvater versteht und mein Großvater versteht und meine Großmutter versteht, sie stehen alle da, aufrecht und starr und sehen zur untergehenden Sonne hin, sie genießen die letzten warmen Strahlen, dann vergeht die Sonne in der Nacht.

Die Pathologie schließt ihre Tore

19. Juni 2011

Liebe Leserinnen und Leser,

nach etwas über einem Jahr schließt die Pathologie ihre Tore.
Jeder Roman findet irgendwann zu seinem Ende. Dieser endet heute und hier.

Besten Dank für Ihre Texttreue!

Guido Rohm

Leben und Meinungen des Guido Rohm (11)

19. Juni 2011

18. Juni 2011

6.27 Uhr! Der Wind pfeift. Ein trübes Wetter. Irgendwie eingeschnappt. Boshaft. Nachtragend. Mit dem Wind schlagend, dessen Hand die Hausecke fasst, sich klagend haltend, als wäre da ein Gegenwind, der ihm ans Leder will. Da müssen also viele Winde rollen, die sich einen Kampf liefern. Ein Boxkampf der Winde. Und wenn man aus dem Fenster sieht, dann kann man den Wind in der linken Ecke mit den Füßen tippeln sehen. Er tritt ein Gebüsch in Grund und Boden, als würde es in die Hölle gehören, nicht aber in des Nachbarn Vorgarten. Und dann plötzlich Ruhe. Wo ist er hin? Er lauert. Er versteckt sich. Jetzt kann man sogar die Vögel hören. Eine gespenstische Stille. Die Ruhe vor dem Sturm.

Die Seraphe schläft noch, eilig, will sie doch alle ihre Traumländereien vor dem Erwachen besucht haben. Die Wohnung erstarrt vor der gnadenlosen Ruhe, die jetzt und eben vom Toben des Windes aus ihrer Lethargie gerissen wird. Natur sollte in Schriftstellerkreisen verboten werden. Was will ich denn mit diesem Unding von Natur, denn wenn ich Natur will, dann beschreibe ich sie mir einfach. Ich stelle mir alles vor. Den Sonnenuntergang. Den Maulwurf mit Helm und einer Lampe am Helm. Den Wasserfall, der sich mit einem Kreischen in die Tiefe stürzt. So ganz nebenbei: Wasserfall will man auch nicht sein. Ein nicht enden wollender Selbstmord. Nein, meine Damen und Herren, nein, daran ist mir nicht gelegen.

Das Sternchen ist fort, ich schrieb es bereits, ein Dröhnen ertönt, ich hebe den Kopf, ich kann nichts sehen, ich muss rasch unterbrechen, ich hetze zum Fenster hin, Moment, da bin ich wieder, es war, Sie werden es mir nicht glauben, ein UFO. Sah ganz danach aus. Eine flache glänzende Scheibe, die über den Himmel wie mit einer Schnur gezogen wurde. Vielleicht war das auch nur ein neues Flugzeugmodell. Ich verdränge mal lieber den Gedanken an ein UFO. Beim Don ist mir das Verdrängen ja auch gelungen. Der Don, ja, von dem ich nichts mehr gehört habe, wird sich wohl beruhigt haben.

Geburtstage: Ernest Santiago und Ruben Castello.

Servicekraft steckt 20 Gäste mit Ehec an. (Man ist einfach nicht mehr sicher. Nirgendwo. Ich werde meine Wohnung nicht mehr verlassen. Ich werde mich hinter meiner Tastatur verschanzen. Geht aber auch nicht. Habe heute einen Termin beim Friseur. Abends ein Konzert. Mist!)

6.48 Uhr! Lese mein Tagebuch. Ja, solche Einträge braucht die Menschheit. Darauf hat sie gewartet. 6.49 Uhr! Leichte Verunsicherung. Sollte ich alles löschen? 6.50 Uhr! Konnte mich vom Wert meiner literarischen Arbeit überzeugen. 6.51 Uhr! Alles Müll. Alles Müll. 6.52 Uhr! Ich sollte das alles einfach stehen lesen. Schreiben, dann nicht mehr lesen. Das Tagebuch (überhaupt all meine Texte) stürzen mich in Zweifel, die sich durch den ganzen Tag ziehen können. Die Zweifel reißen den Tag dann in kleine Fetzen. Wer will das schon? Ich! Darüber kann man dann schreiben. Alles ist Material. Alles. 6.54 Uhr! Ich hatte das eben nicht schreiben sollen. Lösch es, flüstert eine Stimme in mir. 6.55 Uhr! Nein! ich werde es nicht löschen. Es wird stehen bleiben. Und dabei bleibt es nun. 6.56 Uhr! Wirklich? 6.57 Uhr! Jetzt reicht es mir aber, Rohm. 6.58 Uhr! Ist ja gut, ist ja gut.

7.01 Uhr! Sich dumm und dämlich surfen. Das ist einfach. Ich muss mich zurück halten. Ich werde schreiben. Jetzt!

8.27 Uhr! Die Seraphe sitzt in der Küche. Habe eine Geschichte geschrieben. Warten auf Manuel. Die Seraphe liest die blutrünstige Erzählung. Was ist denn mit dir heute los?, fragt sie. Nichts, antworte ich. Sollte ich nachdenklich werden? Nein.

Im Haus knallt eine Tür. Ich zucke zusammen. Ich sollte mich mit einem Zombiefilm ablenken.

Der Vogel schreit angewidert auf. Ich sehe ihn an. Gut, sage ich, dann arbeite ich eben noch ein wenig am Roman. Mach das, piepst der Vogel und springt auf die Leiter.

15.02 Uhr! Was für ein Wetter! Die Seraphe und ich sind aus der Stadt zurück. Meine Haare sind gestutzt. Das Sternchen rief an. Der Wind heult noch immer. Unaufhörlich. Ich habe eine Kurzgeschichte mit dem Titel REVOLUTION geschrieben. Jetzt noch ein wenig ruhen. Später geht es dann auf ein Konzert.

19. Juni 2011

7.15 Uhr! Die Augenränder sind geschwollen wie nach einem Boxkampf. Ich bin spät erwacht. Spät für meine Schreibbedürfnisse, die sich nach der frühen Morgenstunde sehnen. Die Straßen unterliegen der Gewalt des Sonntags. Stille. Die Nachbarn schlafen noch alle.
Wir sind gestern gegen 23.00 Uhr nach Hause gekommen, waren wir doch bei einem Konzert, zu dem ich eigentlich nicht viel schreiben möchte. Die Seraphe wollte dorthin. Ich tat ihr den Gefallen. Unheilig.

Jetzt ist es draußen. Das ist nicht meine Musik, auch wenn ich eine hervorragende Vorband hören durfte. Livingston. Die hatten einen markanten und großartigen Sänger. Die Songs durchfuhren mich. Stellen die Haare auf meinem Körper in die Vertikale.

Das Auto hatten wir auf einer Wiese in der Nähe des Konzertgeländes geparkt.
Das allerdings war dann ein rechtes Abenteuer: Die Abreise! Rasch waren die Ausfahrten verstopft. Nichts ging mehr. Da standen wir dann. Autokühe in der Nacht. Käuten Erlebnisse wieder. Erfreuten uns der Nachtweide. Hier hin. Dort hin. Ständig kamen neue Gerüchte auf, wie denn dieser Hölle zu entkommen wäre. So kann man es sich schon in der Unterwelt vorstellen. Ein Platz voller Autos. Man wartet auf einen Abfahrtstermin. Nichts tut sich. Es wird so bleiben. Bis in alle Ewigkeit. Amen.

Und doch sind wir zurück. Die Seraphe grast noch auf ihrer Traumweide. Ich will mich nun ans Schreiben machen.

Athens Spar-Gegner rüsten für langen Protest.

Geburtstag: Rainer Sagemund. (Schrieb die Romane “Die Vergessenen” und “Entweihtes Glück”)

8.22 Uhr! Schrieb ein kleines Gedicht:

krähenspuren

du schließt die augen
öffnest sie
und plötzlich
bist du das letzte gesicht
in facebook
keine statusmeldungen
keine links
deine reine und weiße seite
die erst noch
beschrieben werden muss
bin kaffee trinken
schreibst du
kein daumen
keine antwort
nichts
als nur du
in der wüste
aus schnee
darin deine buchstaben
krähenspuren sind

8.33 Uhr! Die Seraphe ist erwacht. Es war kalt in der Nacht, sagt sie. Ich habe mir eine Decke geholt. Der Vogel turnt, während die Seraphe in der Küche vor ihrem Cappuccino sitzt und in der Zeitung blättert. Ein Rascheln im Blätterwald. Man hetzt von Nachrichtenbaum zu Nachrichtenbaum, sucht nach einer Lichtung, findet keine, nicht hier, nicht dort, überall liegen die Toten, die Unglücke ziehen dich tiefer in den Wald hinein, dort wo es dunkel ist, wo du dich fürchten musst, dort, wo nichts als Schrecken ist.

10.48 Uhr! Ein bisschen getippt. Ein merkwürdiger Text, der mich selbst nicht überzeugt. Also soll er im Tagebuch bleiben. Das genügt. Mehr Leben will ich ihm nicht zugestehen.

ORBAN

Hausfrauen. In langen T-Shirts. Die Haare unfrisiert. Man musste die Kinder in die Schule bringen. In den Kindergarten. Nun noch der rasch getätigte Einkauf. Hetze. Das Leben läuft auf der Straße. Aber Orban passt das nicht. Er schreibt sich die Szene um. Männer in dunklen Anzügen schreiten nun. Besser, denkt Orban. Unter ihren Mänteln befinden sich Revolver. Orban ersinnt sich eine Stadt des Verbrechens. Jeder gegen jeden. So läuft das hier.
Orban überquert eine Pfütze. Das könnte ein Meer sein. Er wird sich das später notieren. Hinein in seinen Block, der neben der Tastatur auf ihn wartet.
Zwei Männer unterhalten sich. Machen lange Gesichter. Ihre Fußballmannschaft hat verloren. Das geht gar nicht, denkt Orban und legt ihnen einen Dialog in den Mund.
“Hast du gehört?”
“Was denn?”
“Das mit den Petrenelli-Brüdern.”
“Nein!”
“Sie haben drüben bei Boosters eine Schlägerei angezettelt. Es soll fünf Tote gegeben haben.”
“Nein!”
“Wenn ich es dir sage. Und weißt du, wer unter den Opfern war?”
“Nein!”
“Der kleine Nick.”
“Der kleine Nick? Verflucht. Das wird einen Bandenkrieg auslösen.”
“Mit Sicherheit sogar!”
Lächelnd geht Orban an den Männern vorbei. Er nickt ihnen zu. Sagt: “Der Bandenkrieg wird nicht mehr zu verhindern sein.” Die Männer schauen ihm erstaunt hinterher. Was war das denn für einer?, denken sie.
Orban hat seine Wohnung erreicht. Er dichtet sie im Kopf zum Ministerium für angewandte Fantasie um. In der Türöffnung steht die Nachbarin, die er rasch zur Sekretärin erklärt.
“Ach, Sie!”, krächzt die alte Frau.
Orban dankt ihr für die Begrüßung. Sie solle in etwa zehn Minuten zum Diktat erscheinen. Er blinzelt ihr zu.
“Und ziehen sich nur etwas Aufreizendes an”, sagt er.
Die Alte zuckt zurück. Sie schüttelt den Kopf und murmelt: “Der verrückte Kerl gehört weggesperrt.”
Orban zaubert sich im Kopf den Satz: Wunderbarer Mensch, man sollte ihm einen Orden verleihen.
Orban ist entzückt über die Freundlichkeit. Dankbar winkt er der Sekretärin, die sich in ihre Wohnung verabschiedet.
Orban wohnt im 3. Stock. Weil er aber gerne einen Aufzug im Ministerium hätte, stellt er sich während des Aufstiegs selbigen vor. Mozart rieselt von der Decke hinab. Nur wenige Sekunden später ist er am Ziel. Sein Appartement befindet sich im 475. Stock des Ministeriums. Orban will das so. Und Orbans Wille ist sein Königreich. Darin befiehlt nur er.
Orban angelt sich aus der Tasche den Mythenschlüssel. Golden schimmert er auf. Orban hält ihn in der Hand. Der wiegt gut und gerne dreizehn Kilo, denkt Orban, aber dank meines Trainings in den Bergwerken von Orkwarn …
Orban kann seine Gedanken nicht beenden, wird die Mythentür doch plötzlich von einer kleinen stämmigen Frau aufgerissen.
“Da bist du ja endlich!”, schreit seine Mutter.
Orban schließt die Augen. Öffnet sie. Schon steht Agentin Paula Vancouver vor ihm. Sie leckt sich über die bereits feuchten Lippen und bittet ihn herein.
“Die Welt ist wieder einmal in Gefahr”, sagt sie.
“Ich weiß, Vancouver”, erwidert Orban.
“Was weißt du?” fragt die Mutter.
Orban sieht erstaunt auf. Vancouver ist verschwunden. Statt ihrer steht eine alte Frau vor ihm.
“Was ist hier los?”, fragt er. “Wer sind Sie?”
Orban streckt sich. Er sieht auf seine Mutter hinab. Die verzieht die Augen und sagt: “Ich habe einen Idioten auf die Welt gebracht.”
Orban schüttelt den Kopf. Da drin herrscht eine gewisse Unordnung. Er schüttelt den Kopf ein weiteres Mal, bis sich die Dinge der Welt wieder geordnet haben. Es gelingt ihm. Die alte Frau verschwindet. Vancouver ist zurück. Gut so!
“Ich habe jetzt keine Zeit”, sagt Orban und geht in den Rauchersalon. Er zündet sich eine Zigarette an und überlegt.
“Du sollst doch nicht in der Küche rauchen!”
Vancouver baut sich vor ihm auf. Sie ist mutiert. Seine Gegner müssen eine bewusstseinsverändernde Substanz in das Appartement gepumpt haben, denn so hat er Paula Vancouver noch nie gesehen. Ihr Kopf ist alt und hässlich, sitzt aber auf einem schlanken langen Hals, dem Hals einer jungen Frau, der auf Brüste weist, die sich ihm bedrohlich entgegen neigen.
Ein Mischgeschöpf, denkt Orban.
Er drückt sich die Zigarette auf dem Unterarm aus, hofft er doch, der Schmerz könne ihn in die Realität zurück katapultieren.
Vancouver schreit auf. “Was tust du da!”
“Sie sind hinter uns her”, flüstert Orban.
Die Mutter schüttelt den Kopf. Sie hat genug von dem Unsinn. Sie läuft hinüber ins Wohnzimmer. Greift nach dem Telefonhörer, um sich im Krankenhaus zu melden. Orban muss behandelt werden, denkt sie. So kann es auf keinen Fall weiter gehen.
Orban bekommt davon nichts mit. Er untersucht die Brandwunde, die in Form und Aussehen an das Wappen der Venolaner erinnert. Er versteht das als Auftrag, haben sich die Venolaner doch bisher stets nur durch Wunden mit ihm in Verbindung gesetzt. Also stürmt Orban aus dem Appartement. Hin zum Aufzug. Die Tür gleitet zur Seite. Ein Venolaner starrt ihn an.
“Da sind Sie ja endlich”, sagt der Venolander. “Wir haben keine Zeit zu verlieren. Unser Planet ist bedroht.”
Orban nickt nur. Er steigt in den Aufzug. Vielleicht hätte er Vancouver eine Nachricht hinterlassen sollen. Bin gleich wieder da. Rette nur rasch den Planeten Venol.
Was soll es, denkt Orban. Bis zum Abendessen bin ich zurück. Orban schließt die Augen und reist ab.

Das Sternchen hat angerufen. Wir vermissen sie sehr. Wollen heute Nachmittag Don Valentinos Tochter einen Besuch im Krankenhaus abstatten.

16.07 Uhr! Einen Film angesehen. Das Sternchen ist vom Papa zurück. Sie fahren allein ins Krankenhaus. Ich bin ein wenig erkältet. Möchte das Baby natürlich nicht anstecken.

Zwei Tage Fortlebungsroman gehen nun online. Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.

krähenspuren

19. Juni 2011

du schließt die augen
öffnest sie
und plötzlich
bist du das letzte gesicht
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keine statusmeldungen
keine links
deine reine und weiße seite
die erst noch
beschrieben werden muss
bin kaffee trinken
schreibst du
kein daumen
keine antwort
nichts
als nur du
in der wüste
aus schnee
darin deine buchstaben
krähenspuren sind

Warten auf Manuel

18. Juni 2011

Klar. Er müsste längst da sein. Die Tür aufschließen. Hereinspazieren. Einen Kuss in die Luft drücken. Sagen: Da bin ich.

Ich sitze vor dem Fernseher. Eine dieser dämlichen Shows. Gesucht wird ein neuer Popstar. Weil mich das langweilt, stelle ich mir vor, wie sie den Papst vor ein Erschießungskommando zerren. Ich sehe es deutlich vor mir. Dieser Gesichtsausdruck. Der Zweifel, der sich über seine Wangen arbeitet. Schüsse. Der Papst sackt zusammen. Sie holen den Nächsten. Der Dalai Lama. Das ist nun wirklich mal eine gute Show. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Und Manuel. Ich rufe ihn auf seinem Handy an. Nichts zu machen. Er muss es ausgeschaltet haben.
Also schenke ich mir einen Wodka ein.
Schalte auf einen Nachrichtensender. Die zeigen noch das wahre Leben. Leichenteile. Liegen verteilt auf einem Feldweg. Wo ist das nur? Egal. Weiter.
Ich könnte mir einen Porno ansehen. Nein!

Später erzählen sie mir Einzelheiten. Ich muss immer wieder darüber nachdenken. In den Nächten träume ich davon.
Manuel hatte einen Verkehrsunfall. Da kann man natürlich lange warten.
Ein Besoffener steuerte sein Auto frontal in den Wagen Manuels. Seltsam. Ich habe sogar Fotos gesehen. Aber ich kann es immer noch nicht glauben.
In meinem Kopf läuft es als Action-Film ab.

Damals weiß ich noch nichts davon. Ich rauche auf dem Balkon eine Zigarette.
Unter mir läuft ein streitendes Paar. Ich verhalte mich ganz ruhig. Beuge mich über das Geländer. Richtig verstehen kann ich nichts.
Enttäuscht gehe ich wieder in die Wohnung. Ich schaue auf die Uhr, kann nicht ahnen, dass Manuel in diesem Augenblick stirbt. Er verschmilzt mit seinem Wagen. Er und sein Auto werden zu einem Wesen. Daran muss ich später denken.

Manuel wird nicht kommen. Jetzt bin ich mit Bernd zusammen. Ich spreche nicht über Manuel. Wir sehen uns Pornos an. Kriegsfilme.
Er holt mir mit der linken Hand einen runter. Ganz nebensächlich. Ich spritze ab. Bernd lächelt kurz. Dann verabschiedet er sich.
Ich glaube, ich könnte mich in Bernd verlieben.

Als Manuel starb, da starben so viele andere Menschen. Es ist nichts wirklich Besonderes.
Ich muss nur die Nachrichten einschalten. Unzählige Menschen werden in jeder Sekunde erschossen. Sie verhungern. Sie werden zu Todes gefoltert.
Sie sind Teil meines Fernsehprogramms. Mehr nicht.

Manuel ist nicht gekommen. Ich fluche auf ihn. Mehrmals. Ich spiele mit dem Gedanken, alleine in den Club zu gehen. Tanzen. Flirten. Ein paar Drinks.
Ich lasse es, weil ich müde bin.
Ich lege mich in mein Bett. Ich sehe zu dem Kissen neben mir hin.
Ich stelle mir Manuels Gesicht vor.
Später stelle ich es mir auch oft vor. Dann aber ist es über und über mit Blut besudelt. Frisches Blut. Der Anblick erregt mich. Ich schlafe mit Manuel, mit dem nun toten Manuel, der seinen Schwanz mit aller Heftigkeit ins meinen Arsch stößt. So war er gar nicht. Der tote Manuel gefällt mir. Ich könnte mich an ihn gewöhnen.

Sie klingeln in der Nacht. Sie haben meine Adresse von Manuels Mutter. Sie teilen mir seinen Tod mit. Ich nicke nur stumm. Gehe in die Wohnung zurück.
Ich schalte den Fernseher ein, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun sollte.
Die Show vom Abend wird wiederholt. Ich sehe hin. Ich denke nicht an Manuel. Die Show langweilt mich noch immer.
Ich schalte um. Da sind Frauen, die sich ausziehen.
Ich sehe zur Tür hin.
Manuel wird nicht kommen.
Ich schalte weiter. Irgendwo wird schon ein guter Film kommen. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.
Niemals.

Manuel wird nicht kommen. Ich habe mich daran gewöhnt. Jetzt kommt Bernd. Auf Bernd ist Verlass.
Wir sprechen nicht über Manuel. Das würde sich nicht gehören.
Wir sitzen vor dem Fernseher. Sie zeigen eine Dokumentation über Verkehrsunfälle.
Über Manuel berichten sie nicht.
Manuel ist zu meiner heimlichen Liebe geworden. Die ideale Liebe.
Er ist der perfekte Liebhaber. Ich muss nie auf ihn warten, weil er schon längst da ist. Das ist das Gute an den Toten. Man kann sich auf sie verlassen.

Bernd hat mich verlassen. Ich würde nicht zuhören, hat er gesagt.
Ich habe nichts erwidert. Reisende soll man ziehen lassen. Außerdem habe ich Manuel.
Ich streife die Unterhose über meine Füße. Mein Schwanz ragt in die Luft.
Manuels blutverschmiertes Gesicht lächelt mich an.
“Endlich”, sagt er.
“Tut mir leid. Ich stand im Stau.”
“Ich habe gewartet”, sagt Manuel.
“Das ist gut. Sehr gut sogar.”
Ich küsse ihn. Ich habe ihn zum Fressen gern. Irgendwann werde ich ein Stück aus seinem Körper beißen.
Ich bin noch nicht soweit. Aber der Tag nähert sich. Ich kann es spüren.
Ich habe mich nie lebendiger gefühlt. Der tote Manuel fickt mich. Ich schreie laut auf.
Das ist gut so. Das ist der Beweis.
Ich bin noch am Leben.

Leben und Meinungen des Guido Rohm (10)

17. Juni 2011

16. Juni 2011

5.24! Die Familie hat Nachwuchs bekommen. Seraphes Nichte hat eine Tochter. Deshalb werden wir heute Abend im Mafialand aufschlagen. Auf das Wohl des Kindes trinken.

Eine Fliege. Summt um meinen Kopf herum. Eine Fliege, die im Auftrag handeln muss. Sie will keine Ruhe geben. Sie fällt vom Himmel, der hier eine Decke ist. Die Fliege weiß das nicht. Sie blickt zum weißgetünchten Himmel. Sieht das Wolkenmeer. Will durch die Wolken stoßen. Nichts zu machen. Das sind Wolken aus Beton.

Träumte von der jungen Duras in Saigon. Vom neugierigen Kindergesicht. Beobachtete eine Dame mit Kleid. Wunderschön. Wegen dieser Frau brachten sich schon Männer um, erfuhr das erstaunte Kind. Sie beobachtet den bösen Geist. Der wandelt durch das Land. Die Nase gehoben, um den Unrat nicht riechen zu müssen. Die Franzosen, die ein einst so stolzes Volk in den Dreck hinab drücken.

Geburtstag des Schriftstellers Artur Jacob. Schrieb Theaterstücke. Auch zwei Romane.

“Die Mutter stand auf dem Hof. Vogelschwärme bedeckten den Himmel. Weitere Vögel kamen dazu. Mehr und mehr. Es wollte kein Ende nehmen. Sie schwirrten. Verharrten auf der Stelle. Verdunkelten den Tag. Die Vögel bildeten eine drohende dunkle Wolke. Schon kam der Vater dazu. Die zwei Kinder folgten. Sie sahen hinauf. Sie zeigten zu den Vögeln. Dann herrschte plötzlich Ruhe. Eine lang und anhaltende Stille. Die Menschen blickten zu den Vögeln und die Vögel … Dann fielen die ersten toten Vögel zu Boden. Es regnete Vögel.”

Aus “Andernorts”. Roman von Artur Jacob. Preis: 16,90 Euro. Edition Müller.

16.50 Uhr! Kaffee. Zigarette. Die Seraphe wäscht sich die Haare. Wir müssen heute noch ins Mafialand. Fällt mir schwer. Mafialand ist Todesland. Und müde bin ich auch, geh zur Ruh, schließe meine Äugelein zu. Die Aussicht auf den Don zu treffen hält mich wach. Und natürlich müssen wir die Ankunft des Valentino-Kindchens feiern. Keine Frage.

Paris giftet gegen Merkels Alleingänge.

18.23! Regen. Der Wind pfeift. Ein lautes Ausatmen der Wolken. Die Seraphe denkt ans Sternchen, die in Mainz bei einem Fußballspiel ist. Mit der Schule. Hin zum Länderspiel der Damen-Nationalmannschaft. Jetzt flucht die Seraphe vor sich hin. Den Vogel stört weder Regen noch das Fluchen. Er singt sich ein Lied. Ungestört. Vogel müsste man sein.

US-Finanzaufsicht warnt vor Crash in Europa.

22.18 Uhr! Wir sind zurück! Schweiß steht auf meiner Stirn. Angst. Dabei hatte der Abend so verheißungsvoll begonnen.

Wir betraten das Anwesen der Familie Valentino, begrüßten den in einer Pfütze spielenden Enkel, baten ihn inne zu halten. Er grinste uns an. Wartete aber. Sprang erst dann wieder in das Nass, Wasser ringsum verteilend, als wir bereits in sicherer Entfernung standen.
Wir beglückwünschten den jungen Familienvater. Schlossen ihn in die Arme. Eine kurze Begrüßung der ehrenwerten Familie.
Sie waren alle da. Jimmy Onka, den sie den “Beinbrecher” nennen, Mario Tertiosa, der als “Bestie von Brooklyn” Familiengeschichte geschrieben hat. Alle. Ich könnte noch so viele Namen aufzählen. Ich sollte es besser lassen.
Wir gingen ins Haus hinüber. Gina Valentino war noch mit den Spaghetti beschäftigt. Eine großartige Frau mit einem großen Herzen.

Clan-Chefin Gina Valentino

Noch ahnen die Fettbrote und ich nicht, was der Abend noch bringen wird

Der Wein lief. Bier. Schnäpse. Und dann stand plötzlich Don Valentino neben mir.
“Du hast über mich geschrieben”, sagte er
“Ja, aber …”
“Du hast mein Bild im Internet veröffentlicht.”
“Don …”
“Das wirst du bereuen.”
Mehr sagte er nicht. Er verschwand in einer Männertraube. Lachend. Ich war verwirrt. Was sollte ich tun? Vielleicht nichts. Der Don würde sich schon wieder beruhigen.
Igel und Fernando von Hof und Mann saßen an unserem Tisch. Wir hielten Small-Talk. Nicht viel später verabschiedeten wir uns bereits wieder.

Erkennen Sie Jimmy Onka? Nein! Das ist auch besser für Ihre Gesundheit.

Und nun sitze ich hier. Schreibe abermals über den Don. Ich werde es veröffentlichen. Gott möge mir beistehen.

Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.

17. Juni 2011

5.22 Uhr! Kaffee. Zigarette. Ich zitterte, als ich den Becher hob, um den brühend heißen Kaffee zu schlürfen. Der Kaffee schwappte über und tropfte auf meine Hose, weichte den Stoff auf, sickerte, bis er endlich auf Haut stieß. Verbrannte meinen Oberschenkel.
“Scheiße”, flüsterte ich.
Die Drohung des Don sitzt mir noch im Genick. Ein furchtbares Gefühl. Eine Ahnung. Mit dem Valentino-Clan ist nicht zu spaßen. Vielleicht sollte ich ihn anrufen. Ich könnte zunächst das Gespräch mit Nick Percone suchen. Percone ist ein bulliges Ungetüm. Aber er hat ein gutes Gemüt. Er könnte ein gutes Wort beim Don für mich einlegen. Ich könnte aber auch die Sache auf sie beruhen lassen. Abwarten. Tee trinken. Eher Kaffee. Egal, was ich auch tun werde, ich muss eine Entscheidung treffen.

Träumte in der Nacht von einem See, darin unzählige Leichen versenkt waren. Eine Pflanzung tief unten. Eine Wasserfarm, auf der Leichen gezüchtet wurden. Alle paar Meter lag ein Körper. Mal in einen Sack gepackt. Mal neben einem Betonklotz sitzend, daran angekettet, wartend, als müsse jede Sekunde jemand mit dem Schlüssel für die Ketten vorbei kommen.
Die Leichen wuchsen aus dem Seegrund heraus. Waren die Ernte eines Killerlebens. Ich teilte das Wasser. Schwamm von Leiche zu Leiche. Aufgedunsene Wasserleichen. Von der Strömung geschliffene Skelette. Bei der letzen Leiche hielt ich mich länger auf. Sie zog mich in ihren Bann. Der Kopf steckte in einem Leinensack. Ich befreite sie davon. Ich zuckte zurück.
Ich starrte in mein eigenes Gesicht hinein.
“Was?”
Ich musste mit einem Schrei erwacht sein. Die Seraphe beruhigte mich.

Insolvenz angemeldet: Fusion von Eichborn mit Aufbau geplatzt.

Geburtstage: Peter Rosei, Marvin Gibbon, Charles Ternier und Adolpho Krematona.

Meldung des Tages: Der Schweizer Lyriker Friedrich Weiss erhält den mit 50.000 Euro dotierten Ernst-Kotmahner-Preis.

6.06 Uhr! Seltsame Geräusche im Treppenhaus. Da wird schon nichts sein, denke ich. Die Nachbarin. Das war bestimmt die Nachbarin. Der Don liegt mir schwer im Magen und im Kopf.

16.05 Uhr! Das Sternchen ist müde. Sie liegt auf dem Sessel. So ein Sternchenkörper passt in einen Sessel hinein. Sie schließt die Augen. Döst.
“Müde?”
So ein Guido donnert wie ein Zug vorbei. Er will auf den Balkon. So ein Guido stellt dumme Fragen. So eine Frage dröhnt in den Sternchenkörper hinein.
Das Sternchen reißt die Augen auf. Sie lächelt.

Konzernbosse trommeln für den Euro.
Der sprachlose Präsident.

Nachrichten ziehen vorüber, während das Sternchen abgeholt wird, um das Wochenende bei ihrem Papa zu verbringen. In diesem Haus herrscht das Durcheinander einer Patchworkfamilie.

Aha! Rhett Stoner verlinkte mein Tagebuch auf seiner Facebook-Seite. Nehmen Sie sich mal ein Beispiel und schließen sich ihm an. (Sie habe ich natürlich nicht vergessen, liebe Frau Zerbst, als meine treuste Leserin!)

Die unselige Geschichte mit dem Don habe ich allmählich verdaut. Der wird sich schon wieder beruhigen, denke ich. In der Küche brodelt Wasser. Die Dunstabzugshaube dröhnt auf. Die Seraphe werkelt.

Und Brecht? Der kommt mit einer urplötzlichen Allgewalt anmarschiert. In meinen Kopf hinein. Die Zigarre glimmt auf. Ein Brecht ist mir näher als ein Mann. Mit jedem Jahr rückt er näher. Und dann lese ich über “kristalline Texte”, die es gibt, keine Frage, wunderschöne glänzende tote Texte. Ohne mich!

Zum Abschluss noch ein Gedicht von Friedrich Weiss:

Die Müdigkeit

Ich bin müde,
weil ich wach bin.
Würde ich schlafen,
dann wäre nichts,
nicht einmal ein Sehnen
nach Müdigkeit.

Genug der Worte. 16.30 Uhr! Zwei Tage meines Fortlebungsromans gehen nun online.

Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.

Ein Kunstwerk, hinterlassen vom Sternchen

Leben und Meinungen des Guido Rohm (9)

16. Juni 2011

15. Juni 2011

5.22 Uhr! Müde! So unendlich müde. Die Nervensäge war da. Hinterließ im Blog eine Nachricht. Gelöscht. Hat einige Fehler gefunden. (Oder auch nur einen Fehler. Was weiß ich denn!) Da stehen sie. Da sollen sie bleiben. Und die Nervensäge soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Im Arsch kann er mich auch gleich noch lecken. Damit wäre das Thema dann erledigt. Na, einen Fehler habe ich jetzt doch abgeändert. Diese verfluchten Dichter. Arschlöcher. Solche aufgeblasenen Lehrer kann am frühen Morgen niemand gebrauchen. Also löscht sie, wo ihr sie schreibend antrefft.

5.35 Uhr! Ich beruhige mich allmählich. Die kleinen Soldaten auf dem Schreibtisch stehen bereit. Mein Erschießungskommando. Ich habe mich im Griff, sage ich zu ihnen. Die Angelegenheit ist erledigt.

6.21 Uhr! Schrieb mir meine Wut aus der Seele heraus. Der Richter würde mich jetzt vielleicht berichtigen. Von der Seele geschrieben, müsste es lauten. Vielleicht. Aber wer weiß schon, wie dieses unsichtbare Organ wirklich beschaffen ist.

16.49 Uhr! Die Seraphe führt Kleider vor. Eine ganze Kollektion. Sie sieht wunderbar aus. Das schwarze Haar fällt auf ihre Schulter. Ihre Augen glänzen. Ich verliebe mich. Ich bin verliebt.

Kaffee. Zigarette. Wind kommt auf. Ein rauchiger ungemütlicher Wind. Wir wollen grillen. Wird gemacht. Der Vogel arbeitet sich an seiner Leiter ab. Der Vogel, dies muss noch erzählt werden, ist verliebt.

Der Vogel und seine Geliebte

So sitzen wir hier. Nebeneinander. Zwei Verliebte.

Meldung: Polizei verteidigt Parlament gegen wütende Griechen.

Gewalt ist die Sprache der Straße. Straßen wollen ihre Stimme finden. Sie wollen gehört werden. Sie schlagen los. Sie schlagen ein. Scheiben. Köpfe. Die Revolution frisst ihre Kinder. Wer die Geschichte der Menschheit schreiben will, der schreibe über ihre Straßen. Über ihre Häuser. Der schreibe über die Gewalt. Der schreibe die Geschichten der Gewalt nieder. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Geschichte stagniert. Sie hat sich vom ersten Atemzug des ersten Menschen nicht erholt. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Mannes. Geist. Das vom Körper abgekoppelte maskuline Instrumentarium. Die Geschichte der Welt ist eine Männergeschichte. Eine Geschichte über d i e Vergewaltigung der Frau. Der Frauen. Technikgeist. Eros und Thanatos. Die Frau als Geburtsmaschine, eine Idee, eine Lebenspraxis, die ihren Höhepunkt im Dritten Reich fand.

Schriftstellerei ist Vampirismus. Richard Sorge. Meisterspion. Stalins Spion. Frauenheld. In eine solche Haut muss man schlüpfen. Natürlich. In der Haut dann durch die Welt spazieren. Sie beschreiben. Sorge werden. Zum Vampir werden. Sich in Sorge verbeißen. Die Gedanken saugen. Schriftstellerei ist Vampirismus.

Richard Sorge, Meisterspion

17.09 Uhr! Die Seraphe stöckelt an mir vorbei. Sie blendet mich. Sternchen fotografiert sie.

Und schon steht das Sternchen in der Küche. Schnippelt. Die Seraphe folgt, während ich hier sitze, surfend, von Seite zu Seite springend, dann wieder Buchstaben tippend, die nachher, wenn ich sie dann lese, keinen Sinn mehr ergeben wollen. (Die Seraphe bat mich: Keine Beleidigungen im Tagebuch! Die müssen sein. Das sagte ich ihr. Dies ist keine große Literatur. Hier liest man in einem Notizbuch. Rasch geschriebene Bemerkungen, die sich das Recht auf Ungerechtigkeiten herausnehmen, die sich Fehler erlauben dürfen, auch Trugschlüsse und Unsinnigkeiten. Weder schreibe ich hier an einer Reportage noch an einem Roman. Ich schreibe hier an meinem Leben. Solche Texte dürfen holpern. Das Leben holpert doch auch.)

17.45 Uhr! Ich grille!

18.21 Uhr! Wir haben gespeist. Schweinelende mit Rosamarin. Und noch andere Köstlichkeiten. Ich fühle mich …, wie soll ich es schreiben, ich … hätte nicht … ZU SPÄT! Der Vogel schwirrt durch das Zimmer. Auf der Suche nach seiner Geliebten. Gib sie ihm doch, Sternchen, gib sie ihm.

Griechischer Premier bietet Rücktritt an.
USA errichten geheime Drohnen-Basis.

Geburtstage: Ice Cube und Eric Patie.

Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.

Außerhalb der Schöpfung

15. Juni 2011

“Außerhalb der reinen Schöpfung ist die Vulgarität nie sehr fern.” Frédérique Lebelley

Der Richter

15. Juni 2011

Der Richter durchstöbert die Internetseiten. In der rechten Hand trägt er einen Rotstift. Er markiert Fehler. Er kann kaum noch etwas erkennen. Der Bildschirm ist über und über mit roter Farbe beschmiert.
Die Frau des Richters schläft noch. Er schleicht in ihr Zimmer hinüber. Beobachtet ihre Mundwinkel, die ihm falsch erscheinen. Die dürften nicht so hängen, denkt der Richter. Er zückt den Rotstift und markiert seine Frau. Die Frau ist das gewöhnt. Sie lässt sich nicht stören. Sie schläft. Weiter. Nur im Traum bleiben, denkt sie.
Der Richter schreitet mit dem Rotstift durch die Wohnung. Er markiert die falschen Geräusche und Düfte. Der Richter geht ins Badezimmer. Entdeckt im Spiegel sein Gesicht. Falsch, denkt er, ein falsches Gesicht. Also übermalt er sein Spiegelbild. Endlich kann er sich nicht mehr sehen. Geht doch, denkt der Richter und schreitet weiter durch den Tag, der noch auf seine roten Markierungen wartet.
Vor der Tür schreit ein kleines Kind. Der Richter fragt: Was ist mit dir? Ich habe Hunger, antwortet das Kind. Der Richter überlegt. Er kniet sich vor das Kind. Horcht am Bauch des Kindes. Eine Lüge, sagt der Richter. Er markiert das Kind mit seinem Rotstift. Dieses Kind muss verbessert werden. Man sollte das Kind gegen ein anderes Kind eintauschen, denkt der Richter.
Der Richter markiert in Gedanken den Verkehr. Da wird gegen so viele Verkehrsregeln verstoßen. Da wird ihm ganz übel. So etwas kann der Richter nicht ertragen. Er beugt sich über eine Mülltonne. Der Richter übergibt sich. Er überprüft sein Erbrochenes. Das kann nicht sein, denkt er. Da muss ein Fehler vorliegen. Das habe ich nicht gegessen. Er würde das Erbrochene allzu gerne markieren. Lässt es dann aber doch. Das ginge zu weit. Selbst für den Richter. Der überschreitet diese Grenze nicht. Er malt mit dem Rotstift ein imaginäres F an den Himmel. Gott gibt es nicht, flüstert der Richter.
Also zieht sich der Richter in seine Wohnung zurück. Sein Schneckenhaus. Seine Schale. Seine Tüte. Seinen Burg. Der Richter bleibt in seinem Arbeitszimmer. Arbeitet. Er klebt Buchstaben auf ein Papier. Die Buchstaben entstammen alten Gesetzesbüchern. Er will die Gesetze neu schreiben. Die alten Gesetze waren nicht richtig. Seiner Meinung nach.
Hin und wieder unterbricht er sich. Er greift nach einem Gedichtband. Enzensberger. Bruchthal. Er markiert die fehlerhaften Stellen. Diese Gedichte müssten neu geschrieben werden. Darum wird er sich kümmern. Später. Fleißig klebt er Buchstabe um Buchstabe. Immer hinein ins Schulheft. Er hat Heft um Heft gefüllt. Die Hefte liegen neben ihm. Er wird sich später um die Hefte kümmern. Er wird sie korrigieren.
Der Richter beobachtet seine Frau. Die Frau schleicht. Sie will nicht von dem Richter entdeckt werden. Der Richter sieht sie. Er greift nach dem Rotstift. Du warst ein Fehler, schreit der Richter und stürzt sich mit dem Rotstift auf sie. Er will sie bemalen. Er will sie aus seinem Leben heraus malen. Die Frau soll in einem Meer aus Rot verschwinden. Die Frau schreit. Der Richter sei ja verrückt geworden. Sie will von hier fort. Nur raus hier. Sie stürmt auf das Fenster zu. Sie stolpert. Sie stürzt aus dem Fenster. Ein letzter Schrei. Der Richter sieht zum Fenster hin. Das kann nicht sein. Ein Fehler. So hätte sie nicht sterben dürfen. Nicht durch einen Selbstmord. Er wird auf dem Friedhof mit einem Rotstift erscheinen. Das beschließt er in diesem Augenblick. Er wird es tun.
Sonnenlicht stürzt ins Zimmer. Romantik. Die hat hier nichts verloren. Der Richter streicht die Sonne mit seinem Rotstift aus dem Universum. Klappt nicht. Versuchen muss man das, flüstert der Richter. Sein Kopf hängt. Er ist müde. Die Welt lesen. Das strengt an. Überall findet man Fehler. So etwas muss man überstehen. Ohne einen Herzinfarkt. Unvorstellbar.
Der Richter wartet auf die Sirenen. Jemand wird einen Krankenwagen bestellt haben. Die Frau vor der Tür muss ja schließlich abtransportiert werden. Das ist nicht seine Aufgabe. Das wäre ein Fehler. Sie ist ihm einerlei gewesen. Schon lange. Die letzten Jahre.
Der Richter steigt in sein Bett. Er schließt die Augen. Seine Finger umschließen den Rotstift. Er ist bereit. Er wird den Träumen die Fehler schon austreiben.

Leben und Meinungen des Guido Rohm (8)

14. Juni 2011

13. Juni 2011

6.37 Uhr! Kaffee. Die erste Zigarette ist geraucht. Der Schlaf ist aus den Augen gewischt. Die Erinnerung an die Nacht verblasst.
Ich träumte, nein, mir träumte von einem gigantischen Luftschiff, geführt von einem gewissen Kapitän Carlos Weinmann. Die Mannschaft bestand aus ehemaligen Bastei-Lübbe-Autoren, hartgesottenen Burschen, die sich auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen ebenso verstanden wie auf die Herstellung eines Verschwörungs-Kirchen-Rätsel-Thrillers. Gute Männer, die sich nun unter der Flagge Weinmanns versammelt hatten, um Verlagshäuser zu überfallen.
“Geht nach Frankfurt!”, schrie Weinmann.
“Was sollen wir dort?”, fragte ich.
Das Suhrkamp-Haus! Wir werden es in Grund und Boden schreiben!”, schrie der Kapitän.
“Aber die sind doch umgezogen. Nach Berlin.”
Entsetzt sah mich Weinmann an. Er trank einen Schluck Rum, wischte sich über den Mund.
“Warum sollten die umgezogen sein?”, fuhr er mich unwirsch an.
“Aus vielen Gründen!”
Weinmann schüttelte den Kopf. Er zeigte mit seinem Spielzeugsäbel auf mich.
“Den hier setzen wir unterwegs aus”, sagte Weinmann.
“Was? Aber …”
Sie setzten mich tatsächlich auf einer einsamen Verkehrsinsel aus. Dort stand ich dann. Hoffte auf Autos, die nicht kamen. Diese Gegend (ich befand mich in der Nähe von Offenbach) galt als gefährlich, sollte es hier doch Menschenfresser geben.
An mehr kann ich mich nicht entsinnen.

Kapitän Carlos Weinmann

6.48 Uhr! Die Seraphe und das Sternchen schlafen noch. Ich werde schreiben. Vielleicht eine kleine Geschichte über einen hoffnungslosen Tag im Freibad. Oder eine Geschichte über Wespen. Man wird sehen. Ich lasse mich davon überraschen, was die Finger in die Tastatur tippen wollen.

7.58 Uhr! Eine kleine Geschichte geschrieben. Die Erfindung der Liebe. Die Seraphe und das Sternchen sind aufgestanden. Die Seraphe drückt mir einen Kuss auf die Lippen, sie sagt, du sollst dir doch den Kaffee in die Kanne umfüllen, wenn der so lange auf der Wärmeplatte steht, dann wird er bitter. Ich vergaß es, sage ich, zeige zum Bildschirm hin, ich habe geschrieben, da habe ich alles um mich herum vergessen, den Vogel, der noch unter seinem Tuch ruht und nun vorwurfsvoll krächzt, den Kaffee, einfach alles. Die Seraphe ist bereits schon wieder am Räumen. Töpfe klappern. Sie erscheint und befreit den Vogel aus seiner Nacht. “Guten Morgen!”, ruft sie dem Vogel zu, der mit einem Zwitschern ihren Gruß erwidert. Die Rohms sind wach. Alle.

8.17! Die Seraphe schlürft ihren Cappuccino. Sie liest in einem ihrer Thriller. Der Vogel versucht sich an Turnübungen. Ich trinke (noch immer) an meinem Kaffee, den ich eben frisch eingeschenkt habe. Die Kanne aber ist nun leer. Gottseiesgedankt, der Trunk ist für diesen Morgen vernichtet.

8.57 Uhr! Auf dem Balkon stehend, eine Zigarette in der Schnauze, lauschte ich den Glocken, die zum Kirchgang riefen; die Töne schwappten aus der Stadt zu uns herauf und mischten sich mit den Wolken über mir. Der Sound fiel aus dem Himmel auf mich herab. Ich stand da und genoss den Sud aus Klängen.
Jetzt muss ich aber schreiben. Wir sind heute bei Seraphes Schwester Igel eingeladen. Und bis dahin will ich noch etwas geschafft haben.

9.40 Uhr! Nichts geschrieben, dafür aber gefrühstückt.

10.21 Uhr! Na, immerhin. 4 Seiten sind geschrieben.

19.06 Uhr! Wir sind zurück. Ein rauschendes Fest bei Seraphes Schwester Igel, die uns mit einem vierhundert Mann starken Chor empfing. Die sangen “An die Freude”, was uns freute. Die Dienerschaft holte uns am Auto ab. Die Söhne schüttelten uns die Hände. Kommt rein, kommt rein, schrien sie alle.
Über dem Haus kreuzte ein Flugzeug, ein Spruchband durch die Lüfte zerrend, auf dem zu lesen war: WELCOME IDIOTS!
Igel hat eben ihren so ganz eigenen Humor.
Ihr Mann Fernando von Hof und Mann stand am Grill. Die Kinder tollten ausgelassen durch die Ländereien, die von Igel “Garten” genannt werden. Die Feldarbeiter unterbrachen kurz ihre Arbeit. Strichen den Kindern durch die Haare.
Es war ein ausgelassener Nachmittag bei feinsten Speisen aus dem Orient.
Die Igel-Söhne vergnügten sich beim Polo, während wir über Heidegger und seinen Einfluss auf die Entwicklung in der Zuckerindustrie debattierten.
Die Stunden vergingen. Wir brachen auf. Wir sind gerne bei Igel, die uns zum Abschluss einen Geldkoffer überreichte. “Gebt es aber nett zu schnell aus, gell?”, sagte sie.
Wir versprachen es. Bis bald liebe Igel, lieber Ferdinand, liebe Söhne Rubin und Lukrativius, liebe Tochter Prinzessin Louisiana.

Die adlige Millionärsgattin Igel von Hof und Mann will mich unbedingt adoptieren

Weitere Randnotizen:
Ehec-Epidemie fordert schon 36 Todesopfer.
Facebook-Nutzung in den USA geht zurück.
Bauer sucht Frau.
Guido Rohm leidet unter Haarausfall.

19.33 Uhr! Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.

14. Juni 2011

Alle Heiligen dieses Planeten, auch aller anderen Planeten, was für ein Morgen. Ich muss erst einmal auf die Uhr linsen. Verzeihen Sie mir, den Blick (mit geschlossenen Augen) muss ich mir gönnen. Es könnte 5.29 Uhr sein. Ich sitze im Halbschlaf vor dem Computer, aber wie schon mein Ausbilder an der Schriftstellerschule H.G. Jungmann sagte: “Schreiben geht immer!” Irgendwie zumindest.
Vielleicht erzähle ich Ihnen später einmal von meinen Jahren an der Schriftstellerschule, von den Strafen (wir mussten uns in die Ecke stellen und Jandl-Gedichte rückwärts zitieren), den Lehrern (unter anderem lehrte mich der große Sergej Sevenski, der uns Unterrichtstunde für Unterrichtsstunde aus seinem Roman “Herrenjahre eines Lehrlings” vorlas) und den Arbeiten (wir mussten jedes Halbjahr einen Roman abliefern).

Sergej Sevenski

Aber jetzt und heute, an diesem unseligen Morgen, schaffe ich es einfach nicht, fiel mir doch eben beim Gähnen bereits schon zum zweiten Mal das Gebiss auf die Tastatur.
Um es klar und deutlich zu schreiben: Ich fühle mich derangiert. 5.39! Immerhin. Ein paar Minuten meines inszenierten Lebens konnte ich mit diesen Sätzen wenigstens erlegen.

Regen trommelt auf das Dachfenster, der Takt erinnert mich an einen Hit aus den 70er Jahren, vielleicht irre ich mich aber auch, nein, könnte …, doch nicht.

6.06 Uhr! Das Leben rennt dahin. Noch nichts Brauchbares produziert. Rauchte soeben eine meiner viel gescholtenen Zigaretten, die mir die Seraphe Tag für Tag auszureden versucht, ist sie doch um meine Gesundheit besorgt.

Heute hat Leopold Wartmann Geburtstag. Er feiert sein Ankommen im 52. Lebensjahr. Wartmann schrieb den von der Kritik sträflich vernachlässigten Roman “Aufzeichnungen eines verunglückten Rennfahrers”.

“Sie steht an meinem Bett, sieht zu mir hinab, beugt sich schließlich zu mir hinunter, Worte flüsternd, die ich nicht verstehen kann. Ich versuche mich an einem Lächeln, dem sie keine Freude, wohl aber Schrecken ablesen kann, denn sie zuckt zurück und reißt den Mund auf. Sie könnte schreien, ich weiß es nicht, denn ich höre nichts; ich sehe einzig ihren weit geöffneten Mund, der die Luft des Krankenzimmers einsaugt, Partikel für Partikel, bis ich Angst um mich bekomme, bis ich sagen will, hör auf, ich kann nicht mehr atmen, du nimmst mir die Luft zum Atmen. Aber es kommt nichts aus meinem Mund, kein Wort, nichts außer dem Nichts. Oder ich kann es einfach nicht hören. Ich weiß es nicht. Die Welt hat sich verändert.”
Aus “Aufzeichnungen eines verunglückten Rennfahrers”. Ein Roman von Leopold Wartmann.

6.17 Uhr! Die Seraphe schläft noch. Sie durchpflügt ihre Traumäcker.

Die Seraphe, meine große Liebe

12.15 Uhr! Eine Buchlawine löste sich. Zum Glück befanden sich weder die Seraphe noch Touristen in der Nähe. Die Aufräumarbeiten laufen, die Helfer zerren Romane von Edmond Hamilton und Thomas Mann zur Seite. Rund um die Unglücksstelle laufen Absperrbänder. Ich blicke vom Schreiben auf, sehe hin. Das wird schon werden, denke ich.

16.36 Uhr! Ein Kaffee. Zigarette. Kleiner Mailverkehr mit Markus Michalek.
Die Seraphe sitzt mit dem Sternchen und meiner Mutter in der Küche, sie trinken Kaffee, essen Kuchen, während direkt vor der Küchentür Lastwagen mit Büchern vorbeirollen. Noch laufen die Aufräumarbeiten des Lawinenunglücks.

Weitere Randnotizen:
Proteststurm lässt Chinas Mächtige zittern.
Kleist-Preis für Sybille Lewittscharoff.

Noch bin ich nicht tot. Noch schreibe ich.


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