Archiv für April 2011

Samstag, 30. April 2011 – alea iacta est

30. April 2011

Foto: Seraphe

Das Wort Gottes

30. April 2011

Gott erschafft die Welt in zwei Jahren.
Aber eigentlich endet das Projekt nie.
Die Erde ist eine Sperrholzplatte, die er sich in einem Baumarkt schneiden lässt.
Weil die Erde aber nicht in seinen Wagen passt, verpflichtet Gott seinen Nachbarn, ihm beim Transport zu helfen.
Mit einem Anhänger fahren sie die noch wüste und öde Erde zum Haus Gottes.
Wahrlich, ich danke dir, spricht Gott zu seinem Nachbarn Michael Erz.
Mit seiner Mutter Maria schleppt Gott die Sperrholzplatte in den Keller hinab.
Dort scheidet er das Dunkel vom Licht.
Er lässt eine Glühbirne an der Decke scheinen.
Dies sei die Sonne, spricht Gott.
Gott beklebt die Erde mit grünem Filz. Dann legt er kleine Kunstseen an.
In den nächsten Jahren entstehen Miniaturhäuser.
Kühe, die weiden.
Menschen, die den Arm zum Gruß heben. Ein Mann mit einer Sonnenbrille, der zur Glühbirne hinauf blickt. Zwei Frauen, die nackt in einem Fluss baden. Kinder, die einem Prediger lauschen.
Gott erbaut Hallenbäder, Krankenhäuser, Gefängnisse, Garagen, Reihenhäuser, Hütten, Vulkane, Berge, Tempelanlagen, Konzentrationslager, Kindergärten, Folterkammern, Süßwarenläden, Spielzeugläden.
Gott sagt: Es ist gut, was ich da erschaffen habe.

Quelle: Wikipedia

Stolz blickt Gott auf sein Werk hinab. Der Schweiß läuft ihm in Strömen von der Stirn. Dicke Tropfen klatschen in eine Wüste hinein, um sie fruchtbar zu machen.
Gottes Schweiß kann nichts wachsen lassen.
Es sind die Hände Gottes, die mit Kleber und Eifer und Mut die Dinge und Gestalten der Welt aus dem Nichts auf die Platte tragen.
Das Nichts ist ein Bastelladen inmitten der Stadt.
Sein Erfindungsgeist entfacht das Feuer der Geschichte.
Jeden Abend erlischt die Sonne. Die Nacht verheimlicht sein Tagesgeschäft.
Gott steigt aus dem untersten Universum in den Himmel hinauf.
Es existiert ein Zwischenuniversum bestehend aus einer Küche, einem Wohnzimmer und einer kleinen Gästetoilette.
Der Himmel liegt darüber.
Gott entkleidet sich. Er starrt auf seinen dicken Körper, der in zahllosen Fettringen zu stecken scheint.
Gott schleppt den Körper zum Bett und legt ihn ächzend darauf ab.
Das Bett ist ihm wie eine Wolke.
Dort liegt er und träumt von seiner Mutter, die zu seiner Linken liegt und schnarcht.
Sie kann ihm keinen Sohn gebären, denn das würde Unrecht zeugen.
Am Morgen steigt Gott in seinen Keller hinab.
Er beäugt sein Werk.
Er lässt die Eisenbahn fahren, denn der Eisenbahn wegen schuf er diese Welt.
Manchmal schließt sich Gott in diesem Universum ein.
Er trägt dann eine Uniform.
Lager kann man plötzlich auf der Sperrholzplatte finden. Auch einen Zug, der zum Deportieren gedacht ist.
Haben ihn die Träume der letzten Nacht zu sehr aufgewühlt, dann kann es geschehen, dass Gott der Platte einen Tritt verpasst.
Die kleinen Figuren fallen um.
Gott beruhigt sie.
Er spricht auf sie ein.
Er sagt: Das war nur ein Erdbeben.
Die kleinen Menschen antworten nicht.
Und dann hat Gott eine Idee.
Gott beginnt damit, große Unglücke nachzustellen.
Er baut zwei Türme.
Flugzeuge hängen an einem Draht.
Die Flugzeuge stürzen auf die Türme hinab.
Gott baut Atomkraftwerke, die er abbrennt, um auf diese Weise eine Explosion zu simulieren.
Tag für Tag kehrt Gott in einer SS-Uniform in den Keller zurück und betrachtet sein Werk aus Zerstörung und Verzweiflung und Tränen und Hoffnungslosigkeit.
Es gibt nur noch wenige Figuren auf der Sperrholzplatte. Er hat die Menschen in Massengräbern beigesetzt.
Die Gräber befinden sich in einem Sandhaufen unter der Platte.
Dort hat er sie verscharrt.
Dann eines Tages stirbt die Gottesmutter.
Gott schleift ihren Leib zur Erde hinab.
Er legt sie unter der Platte ab. Er legt ihren Körper, der leicht wie eine Feder ist, auf den Massengräbern ab.
Gott sagt: Tod muss zum Tode hin!
Gott entkleidet sich. Er legt sich zur Mutter, die ihm keinen Sohn gebar.
Zärtlich berührt er ihr totes Fleisch. Er streichelt die schlaffen Brüste der Gottesmutter.
Gott denkt über die Auferstehung nach.
Das Ewige Leben!
Gott wird ein neues Haus bauen.
Er weiß es.
Er spürt es.
Er wird der Gottesmutter zu Ehren ein Haus bauen, das diesem ihrem großen Gotteshaus gleicht.
Er wird sich selbst als kleine Spielzeugfigur erschaffen.
Auch die Mutter wird er nachbilden.
Er wird dem kleinen Haus einen Keller bauen. Darin wird sein Ebenbild leben.
Sein Ebenbild wird eine Welt erschaffen, in der ein Ebenbild eine Welt erschafft, darin ein Ebenbild eine Welt erschafft. Und so weiter und so fort, bis man all diesen Welten einzig noch mit einer Lupe auf die Spur kommen kann.
Makrokosmos und Mikrokosmos.
Die Mutter wird dem Sohn einen Sohn gebären.
Und alle Welt wird jubilieren.
Die Menschen werden aus ihren Sandgräbern auferstehen.
Gott wird die Figuren zum Jüngsten Gericht bestellen.
Zuvor aber wird er seinen Sohn senden, um hinweg zu nehmen die Sünden des Kellers.
Er wird den Sohn an einem Kreuze enden lassen.

Quelle: Wikipedia

Er wird beim Tod des Sohnes die Erde mit einem Presslufthammer beben lassen.
Gott sieht zur Mutter hinab, die einen seltsam süßlichen Geruch verströmt.
Gott lächelt barmherzig.
Er segnet den Tod und das Leben, die Toten und die Lebenden. Er segnet alles Gewürm und alles andere Getier.
Er segnet die Nacht und den Tag.
Gott steigt aus dem Keller auf.
Er verlässt das Gotteshaus, der falschen Welt von seinen Taten und Werken zu künden, damit sie ihn preisen und loben können alle Zeit.
Amen!

Aus der neuen Serie: SPIELVERDERBER – Die Pathologie verrät es

29. April 2011

Der Täter in dem Roman “Die dritte Jungfrau” von Fred Vargas

IST…

… die Gerichtsmedizinerin.

(Sie brauchen den Roman nun nicht mehr zu lesen, können aber behaupten, ihn in einer Nacht weggelesen zu haben.)

Freitag, 29. April 2011 – Massaker

29. April 2011

Foto: Seraphe

Das Leben ist ein Zimmer

29. April 2011

Das Leben ist ein Zimmer.
Ich sitze in meinem Zimmer. Ich blicke aus dem Fenster. Die Bäume eilen von Jahreszeit zu Jahreszeit. Nie finden Sie Ruhe. Sie sind ein Windspiel.
Sie sind ein Farbenspiel.
Die Bäume sind Finger, die in den Himmel weisen.
Unter den Bäumen stehen Bänke. Die Bänke sind mal leer, mal sitzen Leute darauf: Jugendliche, die sich anschreien, ein altes Ehepaar, den Blick verloren auf ihre eigenen Hände gerichtet. Die Haut ihrer Hände erinnert sie an die Borke der Bäume.
Und dann wieder einmal sitzt niemand auf der Bank. Und trotzdem spricht die Bank in diesem Augenblick von ihrer Zeit, die den Menschen keine Zeit zum Stillsitzen gibt.
Mein Zimmer ist leer.
Ich versuche mich an die Gegenstände zu erinnern, die sich in diesem Zimmer befunden haben.
Ich sehe mich in diesem Zimmer.
Ich stehe am Fenster und warte auf die Rückkehr von Laura. Sie wird nicht kommen, niemals mehr, aber das weiß ich in diesem Augenblick am Fenster noch nicht.
Mein Atem beschlägt die Scheibe. Ich schreibe ihren Namen auf die Scheibe.
Ihr Name bleibt nur als eine Ahnung zurück.
Eine Andeutung!
Ich sitze in meinem Zimmer. Ich sehe mich um. Ich bekomme manchmal Besuch.
Mein Besuch nennt sich Sohn. Ich will ihm glauben. Nur erinnern kann ich mich nicht an ihn.
Sein Gesicht ist mir fremd. Er macht mir Angst. Er sitzt an meiner Seite. Wir reden nicht, weil mir die Worte fehlen. Sie sind mir abhanden gekommen. Sie sind von mir abgefallen wie Blätter im Herbst.
Ich hoffe auf den nächsten Frühling.
Wenn der Mann, der sich Sohn nennt, gegangen ist, blicke ich in mein Zimmer.
Ich versuche einen Sinn in das Zimmer zu bringen.
Eine Ordnung!
Dort könnte mein Kinderbett gestanden haben. Ich stelle mir eine Mutter vor, die meine Mutter sein könnte. Sie beugt sich über mich. Sie gibt mir einen Gute-Nacht-Kuss. Sie lächelt mich an. Dann geht sie.
Sie kommt nie wieder.
Dieses Zimmer scheint für Menschen gemacht, die fort bleiben.
Meine Mutter!
Laura!
Also betritt nun eine alte Frau das Zimmer. Sie ist meine Großmutter. Ihr Geruch berührt mich unangenehm.
Ich schließe die Augen.
Ich öffne die Augen.
Ich sitze mit Laura in diesem Zimmer. Wir lieben uns in allen Ecken. Wir lieben uns auf dem Teppichboden.
Das Kinderbett ist noch da.
Das Kinderbett ist leer.
Laura starrt auf das Kinderbett. Sie lächelt nicht. Laura weint.
Laura geht.
Und ich stehe am Fenster meines Zimmers und warte auf ihre Rückkehr.
Das Zimmer wird zu meinem Zimmer.
Niemand verirrt sich in das Zimmer.
Dieses Zimmer schottet sich ab. Dieses Zimmer liegt fern von vielen anderen Zimmern.
Ich bin in meinem Zimmer alt geworden.
Das Zimmer verliert meine Haare. Das Zimmer isst kaum noch. Das Zimmer zieht sich in sich zurück.
Das Zimmer bereitet sich auf sein Sterben vor.
Und dann kommt ein Mann, der sich Sohn nennt.
Ich habe keinen Sohn!
Ich habe alle verloren.
Das sage ich nicht.
Ich sitze in meinem Zimmer und warte täglich auf den verlorenen Sohn, den ich nie anspreche.
Ich bin froh über seine Ankunft in meinem Zimmer.
Ich sehe zum Fenster hinüber. Ich könnte wieder einmal lüften. Ich könnte die Geräusche der Straße in mein Zimmer lassen. Ich könnte die Gespräche der Menschen einziehen lassen.
Vor meinem Zimmer stehen Bäume.
Unter den Bäumen stehen Bänke.
Auf den Bänken treffen sich Leute, die auf ihren Rücken ihre Zimmer durch das Viertel tragen.
Die Zimmer sind ihre Leben.
Sie können ihre Zimmer nicht zurück lassen. Sie sind die Zimmer. Und die Zimmer sind sie.
Wir verwachsen mit unseren Zimmern.
Unsere Arme wachsen an den Wänden entlang. Unsere Beine schlängeln sich um die Tischbeine.
Ich blicke in das Zimmer.
Das Zimmer ist leer.
Ich schließe die Augen. Ich stelle mir das Zimmer vor.
Das Zimmer füllt sich mit meinem Leben. Selbst mein Totenbett ist schon darin zu finden.
Ich kann in die Zeit hinein sehen.
Die Zeit ist ein Raum, den man überblicken kann.
Das alles würde ich gerne dem Mann erzählen, der sich Sohn nennt.
Ich habe die Worte verloren.
Sie liegen in meinem Zimmer.
Ich muss die Worte finden. Ich könnte sie in einer Schachtel verstauen.
Ich könnte die Worte wie ein Puzzle zusammen setzen.
Wie passen Worte zusammen?
Wann ergeben sie ein Gesamtbild?
Gehört die Liebe zum Verlust?
Ich weiß es nicht. Ich blicke zu meinen Schuhen. Diese Schuhe scheinen mir zu groß für meine Füße.
Ich schrumpfe.
Das Bett wird größer und größer.
Ich durcheile die Jahreszeiten.
Ich vergehe, um zu entstehen. Ich setze mich an einem jeden Tag neu zusammen.
Ich werde im Bett liegen und auf die Mutter warten, die mir einen Kuss auf die Stirn geben wird.
Sie wird gehen.
Ich werde bei der Großmutter aufwachsen.
Wieder und wieder.
Ich spüre die Kälte des Zimmers.
Die Tapeten lösen sich.
Das Zimmer verrottet.
Das Zimmer vergeht.
Ich vergehe.
Der Mann, der sich Sohn nennt, kommt nicht mehr. Der Mann, der sich Sohn nennt, sitzt in seinem Zimmer.
Ich kann es sehen, denn sein Zimmer befindet sich als Miniaturausgabe in meinem Zimmer.
Ich kann ihn sehen. Winzig klein. Dort sitzt der Mann, der sich Sohn nennt.
Er sitzt auf seinem Bett und wartet auf die Ankunft eines Mannes, der sich Sohn nennt.
Dieser Mann wird nie kommen.
Auch zu mir kam niemand.
Mein Zimmer wird von mir beliebig befüllt. Ich stopfe meine Träume und Gedanken in das Zimmer.
Ich hatte nie einen Sohn.
Laura ist fort.
Und bald gehe auch ich.
Das Zimmer wird verrotten. Das Zimmer wird sich in Luft auflösen.
Nichts verschwindet.
Das Zimmer wird die Grundlage von Erde, Tönen, Worten.
Vielleicht wird jemand über mein Zimmer schreiben.
Vielleicht wird es Fotos von meinem Zimmer geben.
Mein Zimmer ist ein Zimmer.
Mein Zimmer ist mein Leben.
Ich lebe in meinem Zimmer.
Ich bin das Zimmer.
Ich sitze in meinem Zimmer und warte.
Ich sehe hin zur Tür. Ich stehe auf.
Endlich!
Nach so vielen Jahren.
Ich gehe hin zur Tür.
Ich öffne die Tür.
Ein langer tunnelartiger Flur. Am Ende des Ganges leuchtet ein Licht.
Ich gehe aus meinem Zimmer.
Ich werde jetzt das Gebäude erforschen.
Das Gebäude läuft mit Zimmern über.
Ich gehe. Ich lausche.
Ich lausche an so vielen Türen.
Stimmen drängen sich an mein Ohr. Die Stimmen überschlagen sich.
Die Stimmen sagen: Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie.
Ich laufe und laufe.
Ich schlendere.
Ich horche.
Türen öffnen sich. Leute nicken mir zu. Wir gehen gemeinsam weiter.
Eine Tür öffnet sich.
Eine Frau, die mich an Laura erinnert.
Sie legt den Zeigefinger auf ihre Lippen.
Wir kommen am Fahrstuhl an.
Wir überlegen. Wir könnten nach oben fahren. Hinauf! Wir könnten nach unten fahren. Hinunter!
Ich bin unschlüssig. Ich drehe mich auf dem Absatz. Ich werde in mein Zimmer gehen.
Ich irre fortan durch die Flure und Gänge dieses Gebäudes.
Dieses Gebäude ist das Universum.
Ich will in mein Zimmer zurück.
Jetzt!
Sofort!
Augenblicklich!
Hey, Sie da, wie finde ich in mein Zimmer zurück?
Ein alter Mann bittet mich herein.
Sein Zimmer ist leer.
Kahl!
Ich setze mich neben ihn auf das Bett.
Der Mann erzählt mir von seinem Zimmer.
Der Mann sagt: Das Leben ist ein Zimmer.
Ich nicke nur stumm.
Dann erklärt der Mann mir sein Zimmer.
Ich werde in diesem Zimmer bleiben. Ich werde mit dem Mann aus dem Fenster sehen.
Wir werden uns dieses Zimmer teilen.
Mehr Sinn kann ich nach all den Jahren nicht in diesem Gebäude erkennen.
Das Gebäude ist angefüllt mit Zimmern.
Wir sollten näher zusammen rücken, um uns gegenseitig zu wärmen.
Wir können uns unsere Zimmer erklären.
Wir können uns beim Sterben helfen.
Wir wohnen in einem Zimmer aus Zeit.
Wir sind nicht mehr alleine in der Zeit.
Wir befüllen das Zimmer mit Möbeln und Geschichten.
Irgendwann werden wir uns streiten.
Irgendwann werden wir uns an die Hälse gehen.
Wir werden würgen und schreien.
Jetzt nicht.
Jetzt lege ich meinen Kopf in den Schoß des Mannes, der mir sein Zimmer angeboten hat.
Ich stelle mir vor, er wäre Laura.
Sie lächelt hinab. Wir küssen uns. Wir lieben uns. Wir lieben uns in allen Ecken. Wir lieben uns auf dem Teppich.
Laura bleibt, denn Laura ist nun ein Teil dieses Zimmers. Ich habe sie in dieses Zimmer gedacht. Ich habe sie in dieses Zimmer gezaubert.
Laura und ich werden alt werden.
Wir werden ein Kind bekommen.
Ich werde besucht werden, von einem Mann, der sich Sohn nennt.
Da bist du ja endlich, werde ich sagen.
Ich werde mich an ihn legen. Dann werde ich in mein Zimmer blicken und lächeln.
Dies ist mein Zimmer.
Das Zimmer ist mein Leben.
Ich will dir von meinem Zimmer erzählen.

Donnerstag, 28. April 2011 – Weltuntergang

28. April 2011

Foto: Seraphe

P

28. April 2011

Du bist drauf, sagt Lucy, die du mit ängstlich aufgerissenen Augen ansiehst, die sich in einen Drachen, einen Vogel, vielleicht auch in einen Alligator verwandeln könnte, mindestens aber in einen Rochen, du bist drauf, wiederholt Lucy, und ja, du weißt es ja auch, aber es ist dir egal, du bist auf P, du stolzierst über eine Bergspitze, du trampelst ganze Gebirge nieder, einfach so, während sich Lucys Stimme dunkel färbt, ihr wächst ein Bart, und nur wenige Ewigkeiten später, während sie draußen einige Passanten mit dem Maschinengewehr erschießen, und du ihre Schreie und ihr Gestöhne bis hier hinauf in den 457. Stock hören kannst, wo war ich nur, denkst du, ach, Lucy, die nun plötzlich dein Gesicht trägt, und dich mit deinem Mund anredet, Harlan, hast du mich gehört, du bist auf P, ja, sagst du, und dann, nein, bin ich nicht, sie kann es nicht wissen, aber das ist sie doch gar nicht, sagst du zu ihr, die nun du geworden ist, du blickst dich an, sagst, schön, dich hier zu sehen, du musst mit der Scheiße aufhören, sagst du zu dir, sagt Lucy, sagt Ehemals-Lucy zu dir, da soll man nicht verrückt werden, denkst du, und nun denkst du es gleichzeitig und in zwei Gehirnen, nicht schlecht, denkst du, jetzt gibt es mich noch einmal, das gefällt mir, ich könnte den Harlan dort zum Einkaufen schicken, während ich hier im 1009. Stock in meinem Bett liegen bleibe, obwohl das nicht mal mehr an ein Bett erinnert, sondern mehr an eine auf dem Rücken liegende Schabe, nein, Schaben mag ich nicht, denkst du mit deinen zwei Gehirnen, und dann denkst du an Lucy, die es wahrscheinlich nie gab, die du dir erfunden hast, die das P dir eingeredet hat, du hast sie im P-Zustand erschaffen, es gab dich schon immer in doppelter Ausführung, du siehst dich an, blinzelst dir zu, fragst, was wollen wir denn heute noch so anstellen, aber du scheinst auch vernünftig sein zu können, weil du nun zu dir sagst, gar nichts, wir bleiben hier liegen, wir können auf P nicht auf die Straße, es gibt ja auch gar keine Straßen mehr, kicherst du, gibt es nicht, sieh doch mal aus dem Fenster, du stehst auf, du wankst mit dir zum Fenster hin, ihr seht hinaus, nur Wolken, wo sind wir denn hier, fragst du dich, und gibst dir die Antwort, wir sind im 5678. Stock des Cassidy-Gebäudes, so ein Unsinn, sagst du zu dir, habe ich noch nie von gehört, in deinem Rücken müht sich das Schabenbett um eine angenehme Position, also schreist du das Bett an, es solle sich jetzt und hier in einen Berg aus Daunenfedern verwandeln, nichts tut sich, und du sagst zu dir, Schaben haben halt ihren eigenen Kopf, du lädst dich zu einem Drink ein, ihr schlurft rüber zur Bar, die an eine gigantische Kobra erinnert, erinnert mich an eine gigantische Kobra, sagst du zu dir, was heißt hier, erinnert, sagst du, das ist eine verfluchte Riesenkobra, die jetzt den Kopf hebt, und euch fragt, was ihr gerne trinken würdet, ich weiß noch nicht, sagst du, du siehst zu deinen Füßen runter, Blut läuft, wo kommt das Blut denn nun her, fragst du dich und bekommst keine Antwort, du hebst den Kopf, du liegst im Bett, Lucy beugt sich über dich, sie sagt, ich werde mich schon um dich kümmern, sie sagt, du bist auf P, sie sagt, aber vertraue keinem Zustand, warum, fragst du erschrocken, sie lächelt, sie öffnet den Mund, die Zähne eines Raubtiers, es ist deutlich zu sehen, weil ich selbst nicht mehr weiß, was eigentlich die Realität ist und wann wir uns dort aufhalten, Scheiß drauf, denkst du, du liegst in deinem Schabenbett im 4597. Stock eines unbekannten Gebäudes, die Situation könnte schlimmer sein, denkst du und springst mit einem Schirm in die Tiefe deines eigenen Körpers, du bist auf P, alles ist möglich, denkst du, alles.

27. April 2011, Kein Kaffee, keine Zigaretten, sondern nur du, 18.18 Uhr

27. April 2011

Ich bin du.
Du schreibst von nun an über dein Leben. Du untersuchst es wie einen toten Körper. Du schneidest mit dem Skalpell. Du siehst nach, was sich unter der Haut verbirgt. Du betrachtest die Innereien.
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Alles bleibt in der Schwebe.
Ich bin du. Und du bist ich.
Wo anfangen?
Beim Gedanken, der sich jetzt in diesem Moment in deiner vorderen Schläfe manifestiert.
Du hast heute Bescheid bekommen. Karten sind eingetroffen. Ansichtskarten, die du und Seraphe im Januar aus der Türkei geschickt habt.
Die Karten befanden sich auf Abwegen.
Vielleicht wurden sie von der türkischen Polizei – gar dem Geheimdienst – untersucht. Man wollte hinter den Sinn der Worte kommen.
Schöne Grüße aus der Türkei. Es gefällt uns hier.
Man verstand es als Hohn. Als einen satirischen Angriff auf antidemokratische Bestrebungen.
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht hat die Karten ein übereifriger Briefträger aufbewahrt. Er befürchtete, sie könnten verloren gehen. Ein Briefträger, der seine Post liebt, der sie hortet, säckeweise, der sie hortete, bis sie ihm auf die Spur kamen.
Die Polizei traf ein und überraschte ihn beim Verkehr mit einem zehnseitigen Brief.
Schweinerei, riefen sie.
Das schrien sie nicht. So etwas entstammt einer deutschen Kehle.
Ich bin du. Und du bist ich.
Du bist zurück. Plötzlich. Ohne Vorwarnung. Kein Kaffee. Keine Zigaretten.
Rauchst du?
Natürlich rauchst du. Ich kann es riechen. Der Rauch hängt in deinen Haaren. Ein unsichtbares Netz, das dich verrät.
Du bist der, den es bereits schon gab. Du trägst jetzt nur eine andere Maske.
Du schreibst, während die Seraphe hinter dir sitzt und zockt. Sie sitzt am Laptop und gibt sich ihrer Spielsucht hin.
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Alles bleibt in der Schwebe.
Ihr werdet euch heute Abend noch einen Film ansehen.
The Killer inside me.
Wirst du uns davon berichten?
Du sagst: Vielleicht!
Du sagst: Vielleicht auch nicht!
Du sagst: Wir sind hier in der Pathologie.

Der Bändiger

27. April 2011

Der Bändiger kommt seit drei Jahren, dreizehn Tagen, zehn Stunden und, lassen Sie mich auf meine Uhr sehen, vierzig Sekunden, nein, einundvierzig Sekunden, nun gut, das mit den Sekunden sollten wir uns vielleicht ersparen.
Der Bändiger betritt Punkt acht Uhr die U-Bahn-Station.
Zunächst weicht er einer Herde von Menschen aus.
Dann aber durchstöbert er die Mülleimer. Er befindet sich stets auf der Suche nach brauchbaren Gegenständen.
Er weiß, die Mülleimer wollen überprüft sein. Dankbar strecken sie ihm das geöffnete Maul entgegen.
Der Bändiger, geübt im Kampf gegen Drachen und in der Befreiung von Prinzessinnen, verschwindet mit seinem Kopf im Maul des Eimers.
Der Mundgeruch der Eimer stößt ihm übel auf. Er räumt den Magen des kleinen Gesellen auf, der sich nicht rührt.
Mülleimer gehören zu einer Spezies, die es sich angewöhnt hat, starr in die Welt zu blicken.
Sie schlucken jede Unannehmlichkeit.
Sie spielen das tote Tier.
Im Magen findet der Bändiger eine alte Socke. Das beunruhigt den Bändiger.
Du wirst doch keinen Menschen verschluckt und verdaut haben, sagt er.
Der Mülleimer schweigt sich aus. Die Frage scheint ihn unangenehm verwirrt zu haben.
Mülleimer sind bekannt, Verhöre mit einer stoischen Ruhe überstehen zu können.
Der Bändiger weiß um die Wichtigkeit seiner Arbeit.
Plötzlich vernimmt der Bändiger ein Knurren. Er weiß nicht, kam es vom Eimer oder aus seinem eigenen Magen.
Er tritt zurück.
Alles ist gut, sagt er zu dem Eimer.
Neben ihm steht plötzlich ein Anzugträgermännchen.
Weg, weg, verscheucht er das Männchen.
Dies ist eine gefahrvolle Situation.
Aber nun ist er ja vor Ort. Der Bändiger. Nun kann den Herden nichts geschehen.
Er spricht weiter auf den Eimer ein. Horcht.
Der Eimer scheint sich beruhigt zu haben. Gut so.
Der Bändiger setzt sein Tagewerk fort. Eimer für Eimer operiert er Inhalte der unverdaulichen Art aus den Mägen.
Die Eimer zeigen an diesem Tag kein weiteres ungewöhnliches Verhalten.
Die Menschenherden können galoppieren.
Ach, was wissen die schon von der gefährlichen Arbeit des Bändigers.
Sie übersehen ihn.
Hin und wieder wirft man ihm eine Münze vor die rastenden Füße. Der Bändiger nimmt sie auf.
Ein totes Insekt, denkt der Bändiger und lässt es in seiner Tasche verschwinden.
Am Abend schleppt der Bändiger seinen müden Körper an die Oberfläche zurück.
Er wird sich nun den Schlagen zuwenden, ist er doch in seinem zweiten Beruf ein Schlangenbeschwörer.
Der Bändiger erwirbt durch die Übergabe einiger Insekten eine Schlange.
Er setzt sich mit der Schlange unter einen Baum im Park.
Er sieht der Schlange in die Augen. Dann würgt er sie am Hals. Er saugt ihr das Gift aus dem Körper.
Er schluckt das Gift.
Er weiß: Irgendwann wird das Gift mich umbringen.
Trotzdem setzt er seine Arbeit fort. Es gibt so viele Schlangen. Und er opfert sich.
Das Schlangengift bereitet merkwürdige Träume.
Er sieht sich in einem Dschungel. Die Tiere rufen seinen Namen.
Wenn er am Morgen dann erwacht, hat er seinen Namen, seinen geheimen Dschungelnamen, vergessen.
Er stemmt sich nach oben. Die Hände klamm von der Kälte der Nacht.
Er geht hinüber zur U-Bahn-Station.
Er kommt seit drei Jahren und vierzehn Tagen. Er war nie krank. Hat keinen Urlaub gemacht.
Er betritt die Station.
Die Eimer können sein Kommen riechen. Sie öffnen die Mäuler und warten auf ihn.

Dienstag, 26. April 2011 – Negativ

26. April 2011


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