Archiv für Oktober 2010

31. Oktober 2010, Was für ein Theater, 9.09 Uhr

31. Oktober 2010

Der Rohm war im Theater, nicht schlecht, nicht schlecht, murmelt er, der Rohm eben, der noch müde ist, sein Wellensittich, Freddie genannt, schreit sich den Frust eines ganzen kurzen Vogellebens aus der kleinen engen Brust, wohlan, es wird Zeit für den täglichen Eintrag, schreit ihm der Vogel zu, ist ja gut, ich mach schon, mault der Maulheld Rohm, der die Augen kaum aufbekommt, der gerade mal (vor einigen Minuten) eine Mail an Runhard Sage raus bekommen hat, so mit vielen Achs, dafür keinem Krach, war ja nur eine Mail, denn der Runhard schlug ihm vor, seine neue Erzählung, Eine kurze Geschichte der Brandstifterei, bei getidan zu bewerben, Werbung ist gut, sagte der Rohm zur Seraphe und freute sich über das Angebot, vielleicht verkaufen wir ein paar Hefte mehr, und nun sitzt der Held des Tages wie ein nasser Sack an seinem Tisch, ist ein Glastisch, drauf die Tastatur liegt, auch sein Handy, neben der Tastatur steht der Kaffee, der ist ihm noch jeden Tag kalt unter der morgendlichen Schreibrei geworden, in der Küche unterhalten sich die Seraphe und die Kinder über schulische Angelegenheiten, nimm doch die zwei Hefte mit, das war jetzt ein Originalauszug aus dem eben ablaufenden Gespräch, die Seraphe und die Kinder frühstücken, während der Rohm seinen täglichen Eintrag verfasst, weil die Leute drauf warten, mindestens die Leutchen vom Theater, aber ganz bestimmt die Frau Müller-Münch, denn der Rohm und die Seraphe waren gestern Abend auf einem Theaterabend in der Red Corridor Gallery, da spielten sie ein Stück namens „Scheiterhaufen“, der Rohm dachte vorher, Gott, lass diesen Abend an mir vorüber gehen, denn er ist mit Vorurteilen gesegnet wie ein jeder Sterbliche unter der Sonne, Fuck, der Vogel geht mir auf die Nerven, er findet heute gar keine Ruhe, da soll man sich konzentrieren können, also wir saßen in der überhitzten Galerie und sahen uns das Stück an, Hitze passt in einem solchen Augenblick, immerhin geht es in dem Stück ja auch um die Merga Bien, um Hexenverfolgungen, um die dunklen Triebe der Verfolgung, deshalb dachte ich auch das ganze Stück über, es wäre gar nicht schlecht, wenn sie nicht in historischen Kostümen auftreten würden, sondern AUCH in historischen Kostümen, aber eben AUCH den feinen Zwirn des modernen Geschäftsmanns tragen würden, um zu zeigen, die Verfolgung als Instrumentarium der Macht gab es schon immer, wird es immer geben, der Rohm saß da, dachte, wie lange geht das Stück überhaupt, da fing es an, und er war ganz überrascht darüber, was er da zu sehen bekam, denn da war DIESES erste Bild des Stückes, es zeigte das dörfliche Leben und wie eine Frau zur Hexe gemacht wird, Musik wurde eingespielt, die Inszenierung des dörflichen Leben, grandios, das dachte der Rohm, das war für Fuldaer Verhältnisse schon ganz großes Theater, da wurde nicht gesprochen, da wurde im Takt der Musik gearbeitet, ein Ballett des Alltags, das war dem Stummfilm geschuldet, da hatte sich einer mit dem Medium Theater auseinander gesetzt, das gefiel dem Rohm schon ausnehmend gut, in der Küche ist Ruhe eingekehrt, die Kinder sind in ihr Zimmer hinüber, auch der Vogel belässt es bei einem gelegentlichen Krächzen, jetzt fehlt mir Krach, wie soll man denn da arbeiten, weiter also mit dem Theaterabend, die nächsten Szenen kamen, die gefielen mir mal besser, mal schlechter, das Stück, man mag es mir verzeihen, hat nichts mit großer Literatur zu tun, da ist kein Satz hängen geblieben, das ist ein Lehrstück, dachte der Rohm, eine Demonstration, Doku-Theater mit teils zu klaren Fronten, aber die Inszenierung konnte sich immer wieder sehen lassen, so gut wie im ersten Bild wurde sie leider nicht noch einmal, auch wenn mich der „Chor“ der eingekerkerten Frauen doch sehr bewegte, jetzt herrscht völlige Ruhe, so kann ich nicht arbeiten, also will ich zum Ende kommen, ich trinke einen Schluck von meinem Kaffee, ich werde noch eine Zigarette rauchen und dann …

Gerade erschienen

30. Oktober 2010

Frisch aus der Druckerei und ab sofort erhältlich: “Eine kurze Geschichte der Brandstifterei”, erschienen beim Textem-Verlag.

Michael Perkampus

30. Oktober 2010

Ich freue mich über die Rückkehr des Michael Perkampus, den Sie fortan hier lesen können.

Wenn der Postmodernist zweimal klingelt

30. Oktober 2010

Zwei Postmodernisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Alban Nikolai Herbst und Guido Rohm werden am 18.11.2010 ihre jeweils neuen Bücher vorstellen. Herbst wird aus seinem Erzählband „Azreds Buch“ lesen. Rohm wird seine Erzählung „Eine kurze Geschichte der Brandstifterei“ lesen.

Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet. Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine wie z.B. http://www.evolver.at. Dabei entdeckte er auch den amerikanischen Kultautor Tom Torn für den deutschsprachigen Raum. Sein Debüt, der Kurzgeschichtenband »Keine Spuren«, erschien 2009 im Seeling-Verlag (Frankfurt). Der deutsch-französische Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt schrieb das Vorwort zu »Keine Spuren«. Sein erster Roman – »Blut ist ein Fluss« – erschien im Frühjahr 2010 ebenfalls im Seeling-Verlag (Frankfurt). Außerdem betreibt er das literarische Weblog “Aus der Pathologie“. Sein nächster Roman wird im Verlag Kulturmaschinen, Berlin erscheinen.

Alban Nikolai Herbst, geb. 1955, ist einer der vielseitigsten, kunstvollsten, aber auch eigenwilligsten Autoren der Gegenwart. Durch den phantastischen Roman “Wolpertinger oder das Blau” (1993), sowie den ersten Band “Thetis” (1998) seiner Anderswelt-Trilogie und besonders durch sein Literarisches Weblog “Die Dschungel. Anderswelt” bekanntgeworden, ist er zudem einer der führenden Denker der postmodernen und nachpostmodernen deutschen Literatur. Nach Louis Begley wurde er auf die Poetik-Dozentur der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg berufen. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Lyrik sowie Libretti. Außerdem schrieb und inszenierte er für den Rundfunk zahllose poetische Hörstücke. Der Kulturmaschinen Verlag legt nach “Selzers Singen” hiermit den zweiten Band der Gesammelten Erzählungen Alban Nikolai Herbsts vor. Der dritte Band ist in Planung. Alban Nikolai Herbst ist u.a. Träger des Grimmelshausen- Preises, des Fantastik-Preises der Stadt Wetzlar, des Rom-Preises der Accademia Tedesca Villa Massimo. Er war Writer in Residence der Keio Universität Tokio und wurde 2006 mit dem Jahresaufenthalt im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bamberg ausgezeichnet.

RED CORRIDOR Gallery-Team und Autoren
Wann: 18. November 2010, 19 Uhr
Ort: Red Corridor Gallery, Löherstraße 19, Fulda
Beginn: 19.00 Uhr
Eintritt: 4 Euro

30. Oktober, Papa Denke, 7.01 Uhr

30. Oktober 2010
Papa Denke

Quelle: Wikipedia

Gut, Kaffee, lauwarm, klar, die Zigarette liegt schon hinter mir, die rauche ich auf dem Balkon, stoße Rauch wie ein Drache in die Dunkelheit, schiebe den Körper vor, weil da ein Taxi kommt und ich neugierig wie ein altes Waschweib bin, na, wer kommt denn da, niemand, der Taxifahrer steigt aus, läuft um den Wagen hin zum Haus gegenüber, vielleicht trägt der Wind einen Namen bis zu meinem Ohr, nein, also drücke ich die Zigarette aus, gehe rein, jetzt habe ich zwar keine Ahnung, wer da so früh weg fährt, wohl aber den Beginn des heutigen Eintrags, wie Sie gerade lesen können, und weil ich auch schon immer vorm Schreiben im Netz stöbere, fand ich klagende Schriftersteller, die sich vom Netz angepisst fühlen, da dürfe plötzlich jeder schreiben, man muss aber nicht überall lesen, konterte ich innerlich, dachte über meine Schreibe nach, hat die sich verändert, die hat so eine webartige, netzartige Struktur angenommen, man kann von Gedanken zu, fällt mir ein, dass ich mir gestern Abend mit der Seraphe und dem Sternchen einen „fast“ wundervollen Film ansah, Titel, hm, Crazy Heart, Jeff Bridges spielte sich die Lungen aus dem Körper, wunderbar, der hätte von mir auch den Oscar bekommen, hat er doch bekommen, oder, also rasch nachsehen, Gott lobe das Internet, ja, er hat ihn 2010 bekommen, Fuck, das war ja in diesem Jahr, was ist nur mit meinem Gedächtnis los, tolle Songs im Film, Sie mögen keine Country-Musik, ich auch nicht, doch ich liebe sie, Teile davon, Willi Nelson, Johnny Cash, aber den mag inzwischen jeder, also mag ich ihn nicht mehr, Jeff sang in einem Bowling-Center, Sternchen sagte, der klingt wie diese Band mit ohne Zähne, Sie wissen doch, wen sie meint, ich werde es nicht verraten, den Film sahen wir uns also an, Moment, ich will meinen Kaffee trinken, der ist nämlich inzwischen kalt wie die deutschen Nächte, hätte fast Herzen geschrieben, wollte Ihnen eigentlich heute von Papa Denke erzählen, klingt kuschelig nicht, Papa Denke hat sich um die Armen und Ausgestoßenen gekümmert, er hat sie nämlich gewogen, getötet, geviertelt und eingekocht, ja, das ist schon eine seltsame Geschichte, interessant nur, weil man sich schon einmal mit diesen Mördern beschäftigen sollte, es muss nicht immer Hitler sein, ist kein Titel von einem Simmel-Roman, sondern nur ein Hinweis, muss gerade wieder an den Bridges denken, den Jeff, schauen Sie sich den Film an, nur wegen ihm, dieser Husten, großartig, wo waren wir, bei Papa Denke, der als Fleischer mit Menschenfleisch handelte, vermutlich, was lief da nur schief, denkt man, denn so sadistische Mörder sind oft prima Menschen, mit denen kann man klar kommen, wenn sie einen nicht gerade für den Eintopf vorgesehen haben, die sind meist, lesen Sie nur die einschlägige Literatur, scheue und feige Menschen, die kommen mit dem Leben nicht klar, sind oft selbst Opfer gewesen, irgendwann haben sie dann halt die Seiten gewechselt, als Opfer hält es auf Dauer keiner aus, also wird man Täter, liegt doch auf der Hand, oder, die Seraphe und das Sternchen schlafen noch, das sei hier mal rasch eingeschoben, Papa Denke hat zugelangt, der war nicht der letzte Fall dieser Art, da werden andere folgen, ja, und das war es schon fast, wollte ihnen einfach mal den Papa vorstellen, nicht den Hemingway, sondern den Denke, habe ich hiermit auch getan, ich werde jetzt den Kaffeebecher in die Küche schleppen, eine Zigarette rauchen und am Roman weiter arbeiten, den Rest kenne ich noch nicht, den erfahren Sie vielleicht morgen, aber nur wenn Sie auch artig Ihren Teller leer gegessen haben.

Gespräch mit ErIch

29. Oktober 2010

oder: Was einen ständig so vom Schreiben abhält

Kennst du das, frage ich Remus, was, fragt er, du willst einen Beitrag für getidan schreiben und dann, was, Remus grinst mich an, er lehnt sich nach hinten, sein Rücken ruht in einem Meer aus Kissen, er streicht sich eine Locke aus der Stirn, greift nach seiner Pfeife, seit wann rauchst du denn Pfeife, frage ich ihn, was ist jetzt mit deinem Beitrag, also, wie soll ich das sagen, spuck es einfach aus, sagt Remus, gut, ich versuche es, du willst einen Beitrag für getidan schreiben, du hast es dir vor der Tastatur so richtig gemütlich gemacht, weiter, weiter, feuert Remus mich an, ich bin ja dabei, dieser …, denke ich, dann denke ich über mein eben Gedachtes nach, denke, warum habe ich gerade in … über Remus gedacht, etwas stimmt nicht mit mir, demnächst denke ich vielleicht noch in! oder in? über Remus, das könnte eine Satzzeicheninfektion sein, ich schüttele mich, Remus nuckelt an der Pfeife, du musst sie auch anzünden, sage ich, die Pfeife, fragt er erstaunt, den Tabak natürlich, natürlich, sagt Remus und setzt sein gemeinstes James-Bond-Lächeln auf, du wolltest mir etwas erzählen, ich wollte dir erzählen, warum …, verflucht, schreie ich auf, nicht so laut, sagt Remus, er beugt sich zu mir, du solltest vielleicht auch mit dem Trockenpfeifenrauchen anfangen, das würde dich beruhigen, nix da, sage ich, greife nach meinen Camel, du solltest keine Produktnamen in deine Texte einbauen, höre ich den großen Lektor sprechen, ich blicke nach oben zur Decke, fauche, Fresse, zünde mir eine C A M E L an, besser, sage ich, jetzt geht es schon besser, da wird plötzlich der Schreibfluss dieser Geschichte unterbrochen, schreibst du schon wieder eines dieser imaginären Gespräche mit dir und diesem Unsichtbaren, fragt mich die Seraphe, sein Name ist Remus, sage ich zu ihr, Remus, Essen, sagt sie, also unterbreche ich abermals meine Schreibe, sitze aber bereits im nächsten Moment schon wieder dran, denn so ein Zeitsprung benötigt nur den geringen Kraftaufwand des tippenden Zeigefingers, ich sitze also wieder mit Remus da, der gähnt, langweilig, ruft er, legt die Pfeife zur Seite und blättert durch die Fernsehzeitung, kein Fernsehen, wir werden uns etwas von Fassbinder ansehen, er bildet mit der rechten Hand einen Trichter und ruft, langweilig, Arschloch, das solltest du nicht sagen, doch, ich wollte dir doch eigentlich nur erzählen, warum ich keinen neuen Bericht für getidan, sieh mal, schreit Remus aufgeregt, hier kommt ein Hitchcock, zeig mal, sage ich, er wirft die Zeitung zur Seite, reingelegt, schreit er, Arschloch, das hatten wir schon, sagt er, du musst dir mal etwas, in dem Moment kreischt der Vogel in meinem Rücken, ich unterbreche wieder mein Tippen, blicke hin zu ihm, ist ein Wellensittich, hält sich aber für einen Adler, kennen Sie noch nicht, dann will ich Sie ihm vorstellen, Leser, das ist Freddie, Freddie, das ist der Leser, verzeihen Sie, Leserin, das ist Freddie, Freddie, das ist die Leserin, Scheißfeminismus, flüstere ich, da bekomme ich plötzlich von einer mir unbekannten Leserin aus der Zukunft einen Schlag auf die Hände, tut mir ja leid, sage ich kleinlaut, sehe mich um, flüstere noch leiser, Scheißfeminismus, dieses Mal geht es gut, ich wende mich also in meinem Text wieder Remus zu, aber der ist plötzlich verschwunden, ja, so geht es mir, also schreibe ich mir rasch einen Spiegel bei und blicke hinein, hallo, Guido, sage ich, er grinst mich an, ich grinse mich an, Gott, ist das schon wieder kompliziert, was gibt es denn, fragt, ErIch, wollte eigentlich nur erzählen, was einen ständig so vom Schreiben abhält, dann schreib doch darüber, sagt ErIch, hm, ich überlege, warum nicht, sage ich, und dann sage ich noch, Scheiß auf Remus, du könntest doch fortan mein Gesprächspartner sein, warum nicht, sagt ErIch, ja, sage ich, wir beide kämen bestimmt gut miteinander aus, glaube ich auch, du, ja, sage ich, du siehst übrigens verflucht gut aus, danke, sage ich, du aber auch, ja, mit ErIch verstehe ich mich, ich setze mich also hin, schreibe meinen Beitrag über die Störungen beim Schreiben, setze gleich den letzten Punkt, ach, und hier ist er ja auch schon.

(Erschienen bei Getidan)

29. Oktober 2010, Schreib über die Macht und ihre Faszination, 5.44 Uhr

29. Oktober 2010

Kaffee, Zigarette, richtig, der Vogel im Rücken schläft noch, das ist eine Vermutung, ich könnte unter das schwarze Tuch linsen, könnte feststellen, da ist gar kein Vogel, ich würde das Tuch mit einer raschen Bewegung vom Käfig wischen, er würde mich ansehen, ich würde ihn ansehen, denken, der ist für meinen Alltag geschaffen, der muss also da sein, auch wenn er nur ein Trick meines Hirns ist, aber dann hätte ich ihn doch auch beim heimlichen Beobachten sehen müssen, da wird einfach kein Schuh draus, die Theorie über „Rohms Vogel“ funktioniert nur, wenn man nicht unter das Tuch sieht, aber dann kann man, da bin ich sicher, von seiner völligen Nichtexistenz ausgehen, dort unter dem Tuch gibt es ihn nicht, ich kann nichts hören, ich lege meinen Kopf an das Tuch, nichts, nichts, nichts, können Sie mir überhaupt noch folgen, gibt es denn mich für Sie, glauben Sie an meine Existenz, atme ich außerhalb dieser Texte, oder aber werde ich in Ihrem Hirn erst durch das Gelesene erschaffen, für Momente, solche Fragen muss man sich doch einmal stellen, vielleicht fallen Sie auch auf ein Literaturprogramm herein, das ist nicht so einfach zu entscheiden, geben Sie es schon zu, also müsste ich etwas über das Land schreiben, da drängt sich mir die nächste wichtige Frage auf, wie kann man Deutschland noch adäquat beschreiben, zumindest nicht mit dem bildungsbürgerlichen Spiel des ARSCHLOCHS, der hier Worte wie adäquat einbaut, auch wenn das noch nichts mit Bildung zu tun hat, aber, ich erinnere mich da an ein Gespräch in Frankfurt, die Dame eines nicht unwichtigen Online-Magazins sagte so schön, die Literatur dürfe sich ruhig wieder mal die Hände schmutzig machen, ja, denke ich, das dürfte sie, aber dann müsste sie sich endlich einmal aus ihrer Totenstarre befreien, mal über Popstars schreiben, über Afghanistan, ganz frisch vielleicht über das Auswärtige Amt, über das Haus der Anständigen, da, aber nicht nur dort, färbten sie sich ihre Biografien, das ist doch mal ein Stoff, nimm ihn an, schreib über IHN, wie ER sich an der Judenvernichtung direkt beteiligte, Konsul, auf solche Titel ist geschissen, schreib über die Macht und ihre Faszination auf uns alle, und dann schreib über Popstars, schreib über die Macht und ihre Faszination, schreib über den Literaturbetrieb, schreib über die Macht und ihre Faszination, vielleicht werde ich darüber schreiben, vielleicht nicht, die Themen schlagen mich tot, die Themen drängen sich an mich heran, nimm mich, nimm mich, man kommt mit dem Schreiben gar nicht nach, man schreibt sich die Finger wund, gut so, nein, denn da ist noch die Seraphe, die will auch etwas von mir haben, man kann sein Leben nicht in Buchstaben auflösen, kann man, muss man, der Vogel schweigt noch immer, da sitzt keiner im Käfig, denke ich, die Seraphe und das Sternchen schlafen, ich werde jetzt unter das Tuch sehen, da ist er, ich habe mich geirrt (oder auch nicht), er sitzt auf seiner Stange und sieht mich an. Ich sehe ihn an. Wir sind überzeugt von unserer Existenz. Gut so.

28. Oktober 2010, Des Kriegers Tage sind gezählt, 6.07 Uhr

28. Oktober 2010

Der schweißnasse Krieger erwacht aus seinen ungezähmten Träumen, die ihm nicht billig waren, die er sich teuer tags zuvor erkaufen musste, er entwindet sich der zähen Umarmung der Nacht, die er von sich stößt wie eine Ungeliebte. Trunken, das Herz noch rasend von den Mühen der Bettschlachtereien, wankt er im leichten Trab durch den Flur dem dunklen Gebräu entgegen. Schlachtgesänge wabern. Er schaltet das Radio aus, denn er will seine Ruhe vor dem bevorstehenden Kampf haben. Mutig tritt er auf den Balkon, die Heere, die dort draußen auf ihn warten, zu inspizieren. Die Nachtluft schlägt ihn rasch und kühl in das Wohnzimmer zurück. Er sieht sich in seinem Lager um. Noch spricht alles laut von den Unruhen des gestrigen Abend. Die Fernbedienung liegt wie eine erschlagene Ratte auf dem Fußboden neben einer vom Himmel geholten und achtlos im Teppichschnee vergessenen Zeitung. Dort nahm er sein Weib. Er wühlte seine unrasierte Visage zwischen ihre Schenkel, überhörte ihr Gejammer über Kinder und die defekte Spülmaschine. Nur noch einige Minuten. Gegen Sonnenaufgang wird er mit seinem Ross aufbrechen, wird er reiten gegen all die anderen Autos, die sich so zäh durch den Morgenverkehr quälen. Es ist alles einerlei. Die Wasserstelle ruft, aber weil der Duschkopf eine Wunde aufweist, wird er es heute bei der Wäsche von Katzen belassen. Das Leben ist ihm in solchen schalen Morgendämmermomenten eine Ohrfeige, eine schalende Anweisung, sich endlich aus dem Kriegsgeschäft zurück zu ziehen. Aber noch klaffen Löcher in den Staatstruhen, noch wird er jeden weiteren Morgen den Ritt gen Osten aufnehmen. Er schnauft, plustert die Nasenlöcher, die sich wie zwei schwarze Ungeheuer dem noch unbekannten Tag entgegen strecken. Dann schließt er für einen unbemannten Augenblick die Augen. Er öffnet sie wieder und schreitet mutig in den Tag davon.

Der Ritt durch den Todesgarten

27. Oktober 2010

Nach dem Fressen ist vor dem Fressen, sagte wer, wissen Sie nicht, ich auch nicht, sagen wir also, es ist von mir, wir also raus aus dem Lokal, Kippe ins Maul, Remus ist heute nicht dabei, gut so, gut so, sagt die Frau an meiner Seite, ich schwenke den Kopf, schließe die Augen kurz, sehe die Soldatenfrau mit ihrem Gefangenen an der Hundeleine, da kann man mal sehen, so Bilderverseucht sind wir schon, besser ich, denn ich bin Spiegelonlineverseucht, da gibt es doch bessere Startseiten, sag ich mir, reiße die Augendeckel auf, Fuck, Sonnenlicht kann ich nicht ausstehen, ich bin das künstliche Licht in meinem Arbeitszimmer gewöhnt, der Remus, heute ist Sonntag, ermahnt mich die Frau an meiner Seite, das ist die Seraphe, die erwähne ich täglich in meinem Blog, lebe nämlich kein Leben, sondern lebe meinen Roman, den muss ich dann nur noch abschreiben, also das Leben muss ich abschreiben, Gott und Fuck klingt das verwirrt, also zünde ich mir erst mal meine Nach-dem-Essen-schmeckt-sie-besonders-gut-Zigarette an, was machen wir jetzt, ich würde gerne noch mal auf den Friedhof, hin zum Grab meiner Mama, sagt die Seraphe, klar, gebe ich zur Antwort, ein verliebtes Paar schlendert stumm an uns vorüber, jeder von denen hängt seinen Gedanken nach, da müsste man jetzt mal rein klettern können, wo, fragt die Seraphe, denen müsste man ins Hirn klettern, sage ich, oder in die Seele, auf der anderen Seite, ja, fragt die Seraphe, auf der anderen Seite soll es die ja gar nicht geben, wer, fragt sie, die Seele natürlich, sage ich, klopfe mit dem Zeigefinger auf meine Zigarette, die Asche fällt auf ein Blatt, sah nicht gut aus, was, das Blatt halt, es wird Herbst, sagt die Seraphe, sie schubst mich zum Auto hin, nach dem Fressen ist vor dem Fressen, denke ich, die Kippe wird von meinem rechten Fuß um die Ecke gebracht, ein Kick, kein Tor, die Kippe landet im Graben, so schlecht war der Schuss gar nicht, sage ich zur Seraphe, da sind wir bereits los gefahren, immer den Berg rauf, dann wieder ins Dorf runter, ich wohne in der Provinz, habe ich das schon erzählt, die verscharren hier noch Urlauber, die nur einmal die falsche Abfahrt genommen haben, die Seraphe biegt ab, jetzt wieder einen Berg hoch, bis man zum Friedhof kommt hat man eine Achterbahnfahrt hinter sich, aber keine der Gefühle, aus dem Radio dudelt eine Version von diesem Song, habe jetzt vergessen wie der Titel von dem bekannten Song lautet, wurde gesungen von, ach, vergessen wir das, Musik kann ich eh nicht ausstehen, doch, der Boss live in Dublin, das war eine Riesennummer, wo ist denn die CD vom Boss, die müsste doch da irgendwo liegen, sagt die Seraphe, ich sage zu ihr, konzentrier dich lieber auf den Verkehr, sonst besuchen wir heute nicht nur den Friedhof, sondern wir müssen da auf Dauer hin, Unsinn, sagt die Seraphe, sie bremst ab, wir steigen aus, öffnen die Gittertür, ja, Gefangene und Tote müssen hinter Gitter, die Tür quietscht sich in den Himmel der Hammer-Studios, wir tappen über das nasse Gras, ich bleibe vor einem Steinbrocken stehen, ist kein Fels, ist ein Monument, da hängt eine Tafel, drauf zu lesen ist, es wird erinnert an die Toten des Ersten Weltkrieges, und was ist mit den Toten des Zweiten Weltkrieges, da waren die Gemeindekassen scheinbar leer, und die Juden, schreie ich den Stein an, die Zigeuner, die Schwulen, die Kommunisten, verflucht, schreie ich den Stein an, könnte man hier nicht an alle verschissenen Toten aller verschissenen Kriege erinnern, mein Spiegelonlinebewusstsein aktiviert sich, der Irak springt in meine Vorderschläfe, dann hätten wir den idealen Stein geschaffen, ein Stein des Anstoßes müsste da hin, sage ich zur Seraphe, ich denke kurz an meinen Freund Remus, was der wohl gerade treibt, die Seraphe zieht mich weiter, da geht es an lauter Leben entlang, da Helmut Müller, 1912 – 1956, Heinrich Zierl, 1888 – 1944, ich bleibe stehen, das ist ja ein Buch, sage ich zur Seraphe, Buch, fragt die, klar, sage ich, da liegen lauter Geschichten, die müsste man nur ausgraben und aufschreiben, die warten förmlich darauf, dass man sie aus ihren Gräbern reißt und in eine Datei packt, du scheinst das Essen nicht vertragen zu haben, sagt die Seraphe, ein herrlicher Ort, sage ich, atme mal die Luft ein, die Seraphe schüttelt den Kopf und geht weiter, ich gehe noch ein paar Gräber ab, ist eine Riesennummer für einen Autoren hier, ich fühl mich großartig, ja, so einen Herbst sollte man auf den Friedhöfen verbringen, da hin, auf eine Bank setzen, Laptop raus und tippen, die Blätter beschreiben, die alten Frauen, die langsam zu den Gräbern ihrer Männer schlurfen, die Gesichter sind von der Kälte zerschnitten, ist das die Lebenskälte, frage ich mich, ich drehe mich um, die Seraphe ist verschwunden, da habe ich wohl zu lange über den Tod nachgedacht, ich nehme die Füße in die Hand, nicht wirklich, Sie wissen schon, das ist so ein, ach, was rede ich da, ich habe schon wieder Hunger bekommen, denn nach dem Fressen ist vor dem Fressen, sagte wer, wissen Sie nicht, ich auch nicht, sagen wir also, es ist von mir.

(Erschienen bei Getidan)

27. Oktober 2010, Folter, Torn und frühe Vögel, 5.48 Uhr

27. Oktober 2010

Kaffee, Zigarette.
Es gibt sie also wirklich: Foltermeister, die wie Vertreter für Staubsauger ausgebildet werden.
Der Ausbilder hebt die Hand, meine Herren, ruft er, hier auf meinem Tisch liegt der Leitfaden „Sprich oder schweig für immer“. Die Köpfe der Soldaten pendeln unruhig hin und her. Der Ausbilder greift nach einem Heft und hält es in die Höhe. Ich lasse für jeden ein Exemplar rum gehen, sagt der Ausbilder. Er nimmt einen Stapel. Er verteilt den Leitfaden. Lächelt jeden Auszubildenden freundlich an. Manchem flüstert er zu: Sie packen das schon. Dann stellt er sich wieder vor das Pult. Er blickt die Klasse lange und ruhig an.
Wenn Sie einem Gefangenen den Hoden mit heißen Stricknadeln durchstechen, beginnt der Ausbilder, da meldet sich ein rothaariger Schüler, was gibt es denn, unterbricht sich der Ausbilder, ich müsste mal auf Toilette, der Ausbilder runzelt die Stirn, Sie sollten sich so etwas erst gar nicht angewöhnen, sagt der Ausbilder, Sie können ja auch nicht einfach während einer Folter verschwinden, was soll der Befragte denn denken, bleiben Sie also bitten sitzen. Der Auszubildende bekommt einen roten Kopf. Er tippelt mit dem rechten Bein. Wo waren wir, fragt der Ausbilder, ach ja, beim Verhör im Genitalbereich …

Ja, ich will mich hier unterbrechen, will Ihnen sofort zurufen, nicht Texte sind pervers, sondern das Leben schafft diese Perversionen, da müssen Sie nur einmal, ich muss mich rasch unterbrechen, denn die Seraphe ist aufgestanden, ich drücke ihr einen Kuss auf die Lippen, sie war gestern Abend fort bei einem Elternabend, wie war es, frage ich sie, lange, vor allem ging es lange, sie gähnt, schlurft in die Küche, ich überlese die letzten Zeilen, um den Anschluss zu finden, also nicht das Leben ist pervers, Quatschkopf, Dummkopf, also das Leben ist pervers und vor allem verwirrend, habe ich Ihnen eigentlich schon von der Mail des Textem-Verlages erzählt, fragte doch eine Buchhandlung nach dem letzten Torn-Roman „Der gute Polizist“, ob man den dort einkaufen könne und wenn ja, wie teuer der Schinken denn sei, zugegeben, Schinken haben die nicht geschrieben, ich riet Gustav also zur Wahrheit, denn die gesamte Auflage des Romans ist vergriffen, der Verleger, so meine letzten Informationen, befindet sich in Israel, die Seraphe, um Sie auf den neusten Stand des momentanen Geschehens zu bringen, rührt in ihrer Tasse, ich bin gerührt von den Torn-Anhängern und geschockt von den Praktiken der britischen Armee, den die haben ja den Leitfaden für die Folter ersonnen, so fließen die Dinge des Lebens ineinander, all das Banale fließt in den Schrecken, der Schrecken ist nur einen Klick entfernt, zum Glück nur einen Klick, denn so kann ich mich an den Vogel im Käfig hinter mir wenden, alles in Ordnung, klar, knurrt der Vogel, der ist nämlich ein Morgenmuffel. Da soll mir noch einmal einer etwas von dem frühen Vogel und dem Wurm erzählen.

Ich werde meinen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen und dann …


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